Kommentar : Aus der Mitte ins Abseits

Saskia Ludwig war eine Hoffnungsträgerin. Für ihre Partei und jene, die hofften, dass sich auch in Brandenburg eine größere Partei mal politisch eigenständig ausrichten könnte – ohne sich schon zu Beginn jeder Programm- und Kursdebatte um die eigene Koalitionsfähigkeit zu sorgen.

Peter Tiede

 Ludwig wollte der CDU eine deutlich von der SPD entfernte Grundposition verpassen. Zur Not wäre sie auch bereit, um der eigenen Position willen, auf Regierungsbeteiligungen zu verzichten. Nur: Mit ihr will in Brandenburg niemand koalieren. SPD-Chef Matthias Platzeck schon gar nicht – man hasst sich öffentlich. So drohte ausgerechnet Ludwig zur Garantin von Dauer-Rot-Rot in Brandenburg zu werden – schon allein, weil sie die Linke für Platzeck alternativlos machte. Zum Schluss hat sie mitten im Flughafenskandal – dem Polit-GAU des Matthias Platzeck – die Opposition gespalten und so dem schwer Angeschlagenen Luft verschafft. Es ist die Tragik dieser politischen Figur, dass sie das, was sie bekämpfen wollte, mit ihrer Art des Kämpfens gestärkt hat: Rot-Rot. Zuletzt mit ihrem haarsträubenden Artikel in der rechtskonservativen „Jungen Freiheit“. Statt sich dem angeschlagenen Platzeck und dessen Totalpleite mit dem Flughafen widmen zu können, hat Ludwig ihre Partei in sich selbst verwickelt. Ludwig wurde Thema – nicht der müde Regierungschef. Damit ist die Chefin zum Problem für ihre Partei geworden. Sie ist auf ihrem Weg gescheitert. Nicht an Umständen. Nicht an einer Verschwörung. An sich. Ganz allein.

Dabei hat Ludwig der brandenburgischen CDU etwas zu verpassen versucht, was diese nötig hat: Eine eigene politische Linie. Diese bis auf wenige Ausnahmen konsistenzlose Masse sollte auf stramm konservativ getrimmt, dem Brei sollte ein Markenkern verpasst werden. Doch dazu fehlte es der Partei noch mehr an Format als ihr. Glaubhaft konnte das in diesem Stil nicht gelingen. Ludwig war genervt von diesem brandenburgischen Eingerichtetsein auch in ihrer Partei, die noch immer ein Rest Blockpartei war, nur ein bisschen neben dem Brandenburger Weg vom Dauerkonsens, bei dem man zwar mal nicht ganz der selben Meinung war, sich das aber – DDR-typisch – nett fast nicht sagte, bevor man wieder zusammen bei Kaffee und Kuchen saß. Nein, „alles tutti“ ist nicht Ludwigs Ding. Sie hasst das. Das hat sie spüren lassen.

Doch für ihre eigene Mission fehlt ihr neben der intellektuellen, strategischen Begleitung vor allem eines: Gelassenheit. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Partei stramm aus der Einheitssoße zu ziehen, der braucht viel, viel Taktgefühl, der darf nicht das Maß zwischen Härte im Kurshalten und der Fähigkeit zur volksnahen Kurserklärung verlieren. Noch dazu in Brandenburg. Dem Land mit einer gefestigten linken Mehrheit und einem Umfeld, in dem jede Art von konfrontativer politischer Standortbestimmung jenseits der linken Mitte schnell als Rechtsruck definiert und mit Unverständnis kommentiert wird. Wer wie Saskia Ludwig angetreten ist, der darf nicht ins Sture abgleiten. Saskia Ludwig hat dies in Summe nicht geschafft. Sie wirkte verbiestert. Und schlimmer: ideologisch. Noch schlimmer: Sie scheint ernsthaft Verschwörungstheorien anzuhängen.

Vor allem aber kann man ihr die radikalerweckte Konservative nur schwer glauben. Vieles wirkt nur behauptet. Ludwig merkt man an – dafür kann sie nichts –, dass sie nicht der klassischen konservativen Kaste der West- CDU entspringt, sondern einer speziellen rechtskonservativen der DDR: der der Kommunisten-Hasser. Nur: Mit Schaum vor dem Mund und Hass wird man nicht satisfaktionsfähig.  

Ludwig wirft CDU-Bundeschefin Angela Merkel vor, die konservativen Werte der CDU aufgegeben, den rechten Flügel der Partei vernachlässigt zu haben. Die Kanzlerin, so Ludwig, begehe am rechten Rand den selben Fehler wie die Schröder-SPD einst am linken, als diese der Linkspartei den Platz räumte. Ludwig ist mit der Kritik bei Weitem nicht allein. Aber sie ist beim Gegensteuern, das sie gern in der rechtspopulistischen „Jungen Freiheit“ versucht, rechts vom Weg abgekommen. Da folgten nicht mehr viele. Es geht vielen vieles zu weit. Und das hatte alles nichts mehr mit Brandenburg zu tun.

So weiß man heute zwar, was Saskia Ludwig nicht mag oder hasst. Aber nicht, wofür die CDU in Brandenburg eigentlich steht.