Karen Duve und Grimms Märchen : Dornröschen will den Prinzen nicht

Vor 200 Jahren erschienen Grimms „Kinder- und Hausmärchen“, eines der berühmtesten Bücher der Welt. „Rotkäppchen“ gefiel Karen Duve daraus immer am besten. Jetzt hat die Autorin dieses und andere Märchen umgeschrieben. Eine winterliche Reise in ihr Reich der Fantasie

Knud Kohr Ringenwalde
Frosch am Hals. Karen Duve in ihrem Landhaus in der Uckermark. Die anderen Tiere sind alle im Stall.
Frosch am Hals. Karen Duve in ihrem Landhaus in der Uckermark. Die anderen Tiere sind alle im Stall.

Es hat gefroren. Geschneit noch dazu. Und der Winter soll an diesem Tag für weiteren Schneefall sorgen, sagen die Nachrichten, man sollte zu Hause bleiben. Stattdessen schliddert der Wagen über die frostglatten Straßen. Nach Norden geht es, in einen Ort namens Ringenwalde, 60 Kilometer vom Berliner Alexanderplatz entfernt, in dem eine Märchenerzählerin wohnt. Weil es nur langsam vorangeht auf den Straßen Brandenburgs und weil der Fotograf fährt, bleibt die Zeit, noch einmal in dem Buch zu lesen, das sie geschrieben hat und das „Grrrimm“ heißt.

„Seit die EU-Gelder ausblieben, versuchte die Bezirksverwaltung zu sparen, wo sie nur konnte.“ So beginnt die Titelgeschichte. Im Original heißt sie „Rotkäppchen“, aber wir werden noch lernen, dass das Original nicht als Erstes da war. In dieser Version von Karen Duve lebt die Heldin in einer dunklen, abgelegenen Region Osteuropas, in der es bestialische Wölfe gibt wie in Rumänien, und sie scheint auch über genauso wenig Straßenlaternen zu verfügen wie die Gegend um Ringenwalde, in der es selbst zur Mittagszeit dieses verschneiten Tages nicht hell wird. Die Straße führt durch einen Wald. Dann noch einen. Der Blick fällt in die vorbeifliegenden Baumreihen, man meint Zwerge und einen Frosch zu sehen, der mit einem goldenen Ball im Schnee spielt. Wo waren wir stehen geblieben?

Karen Duve, die Märchenerzählerin, hat fünf Geschichten der Gebrüder Grimm neu erzählt. Vor 200 Jahren erschien deren Sammlung volkstümlicher Märchen. Sie ist eines der einflussreichsten Bücher der Welt geworden. Zu den berühmtesten Geschichten darin zählen „Aschenputtel“, „Hänsel und Gretel“ und „Rotkäppchen“, und Karen Duve wird später sagen, dass das Märchen von dem Mädchen mit der roten Kappe ihr liebstes ist. In ihrer eigenen Version hat dieses Girl elf Geschwister. Ungefähr jedenfalls. Alle lachen es aus, weil es sich überreden ließ, die rote Kappe zu tragen, die ihre Großmutter eigentlich für eine jüngere Schwester gestrickt hatte. Obwohl doch jeder weiß, dass gerade nur schwarze Kappen auf dem Schulhof angesagt sind.

Nicht nur davon will das Mädchen nichts wissen. Da gibt es auch Stepan, der in Rotkäppchen verliebt ist. Als sich ihr versoffener Vater bei der Jagd von einem Werwolf beißen lässt, muss es zur Großmutter eilen, um Medikamente zu holen. Mitten in der Nacht, sieben Kilometer weit durch einen Wald, der dem da draußen gerade jetzt verdächtig ähnlich ist. Werwölfe und Untote sollen in ihm lauern. Und als das Mädchen sein Ziel erreicht, hängt die Großmutter in ihrem Schuppen schon in zwei Teile geschnitten von der Decke.

Rotkäppchen überlebt.

Wer denkt sich denn so etwas aus?

Karen Duves Hof befindet sich etwas zurückgesetzt an der Durchfahrtstraße von Ringenwalde. Das alte Haupthaus steht leicht erhöht. Davor wartet die 51-jährige Autorin bereits auf den Besuch. Auf der obersten Stufe einer weitläufigen Treppe, deren Geländer merkwürdigerweise schräg zum Verlauf der Stufen angebracht wurde. „Ich habe heute morgen noch gefegt“, sagt Karen Duve mit Blick auf die vereisten Stufen. Sie hat eine kräftige Figur, blonde, schulterlange Haare und einen festen Händedruck. „Aber bei diesem Wetter müsste man das ja alle zwei Stunden machen“, setzt sie entschuldigend hinzu. Dann geht sie voraus ins Wohnzimmer.

In einigen hundert Metern Entfernung befindet sich der Waldrand. Aber der ist an einem grauen Tag wie diesem nicht zu erkennen. Auch die zahlreichen Tiere, mit denen Karen Duve hier in der Abgeschiedenheit lebt, sind nirgends zu sehen. Die sind im Stall nebenan. Und bei diesem Wetter jagt man weder Huhn noch Katze hinaus. Das ist natürlich enttäuschend.

Aber was erwartet man von einer Frau, die zu Selbstversuchen neigt, um später ein Buch darüber zu schreiben? Dass sie lebt wie eine Fee?

In den Besprechungen zu ihrem vor zwei Jahren erschienenen Gesund-Leben-Schocker „Anständig essen. Ein Selbstversuch“ wurde die Gegend um Ringenwalde gern als ländliches Idyll mit Märchenwaldanschluss beschrieben. Die Hühner der Autorin pickten auf dem Rasen, und im Stall standen ein Pferd und ein Maultier namens „Bonzo“ stets zum Ausritt bereit. Man konnte sich vorstellen, dass es hier ein interessantes, unterhaltsames Experiment sein konnte, für mehrere Monate vegetarisches, veganes und zum Schluss sogar frutarisches Leben auszuprobieren, also sich ausschließlich von Früchten und Nüssen zu ernähren. Vegetarierin ist die Autorin bis heute geblieben. Das Maultier ist allerdings nicht mehr im Stall. „Der hat mich einmal zu oft abgeworfen“, erklärt Duve.

Den Umgang mit Tieren ist Karen Duve seit langem gewohnt. Bevor sie vor vier Jahren nach Ringenwalde zog, wegen einer Liebe, die bald zerbrach, lebte Duve mehrere Jahre auf einem Bauernhof in der Nähe von Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Aber eigentlich ist sie ein Kind der Großstadt, 1961 kam sie in Hamburg zur Welt. Nach dem Abitur begann sie 1981 zunächst eine Ausbildung zur Steuerinspektorin. Eigentlich erfüllte sie damit den Wunsch ihres Vaters, der diesen Beruf in seiner Jugend erlernen wollte. Schon bald merkte Karen Duve, dass sie sich besser anders entschieden hätte. „Wie ein Asperger-Patient habe ich da gesessen“, erinnert sie sich mit gequälter Miene, während sie ihren Besuchern grünen Tee und einen Teller mit Zimtsternen serviert. So war es keine Überraschung, dass sie die Abschlussprüfung im ersten Anlauf verpatzte. „Es hätte die Möglichkeit gegeben zu wiederholen, aber was hätte sich ändern sollen?“

Also brach sie die Ausbildung ab und setzte sich stattdessen an einen Arbeitsplatz, dem sie lange treu sein sollte – hinter das Lenkrad eines Hamburger Taxis. Insgesamt 13 Jahre lang fuhr sie. Zumeist in der Nachtschicht. „Zwei Jahre lang war das toll, zwei Jahre lang gut. Dann wurde es reine Routine“, erinnert sich Karen Duve. „Aber ich hatte da sämtliche Leute auf dem Rücksitz, die man aus in den Nachmittagstalkshows kennt.“ Später machte sie aus ihren Taxi-Jahren ein Buch.

Denn um die Zeit zwischen Frühstück und Schichtbeginn sinnvoll zu füllen, hatte sie regelmäßig zu schreiben begonnen. Zunächst waren das überwiegend Märchengeschichten, die sie vor allem sich selbst erzählte, doch allmählich wurden ihre Texte immer länger. „Irgendwann lagen drei Märchenromane auf meiner Festplatte. Die sind nie veröffentlicht worden“, sagt sie.

Vielleicht lag es daran, dass sie bis heute vom Happy End einer Liebesgeschichte andere Vorstellungen hat als die Gebrüder Grimm. Das zeigt sich deutlich in ihrer Version von Dornröschen, die „Der geduldige Prinz“ heißt und wie jede ihrer Neufassungen aus der Perspektive einer Nebenfigur geschildert wird. In diesem Fall des Prinzen, der Dornröschen wachküsst. Nachdem der Retter hundert Jahre lang mit täglichem Ernährungs- und Fitnessprogramm auf Dornröschen gewartet hat, wird er nach deren Erwachen allerdings von der Geliebten abgewiesen. Was sollte das morgenschöne Wesen auch mit so einem alten Kerl anfangen?

„Die Paarbildung in den Märchen geht mir einfach zu schnell“, betont die Autorin. Es reiche den Prinzessinnen und sonstigen Märchenheldinnen im Reich der Gebrüder Grimm fast immer, einmal geküsst zu werden. Ein Kuss, um bis ans Ende ihrer Tage glücklich zu leben?

Nach ihren frühen Märchenromanen begann Karen Duve, sich mit ihren Geschichten bei Literaturpreisen und für Stipendien zu bewerben. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 1991 gewann sie ihren ersten Preis. „Da habe ich begonnen, das Taxifahren einzuschränken.“ Es folgten weitere. Als sie 1996 ihren ersten Vertrag mit Vorschuss unterzeichnete, beschloss sie, mit dem Taxifahren aufzuhören. Aber selbst heute schreckt sie die Vorstellung nicht, sich nachts wieder hinters Steuer zu setzen und Nachtschwärmer nach Hause zu fahren.

Nach dem Erfolg von „Anständig essen“ hatte Karen Duve erheblichen Spielraum, was das Thema eines neuen Buchs anging. Sie erinnerte sich ihrer Liebe zu Märchen und fasste den Vorsatz, einige ihrer Lieblingsgeschichten neu zu erzählen. „Ich wollte die gesellschaftlichen Probleme, die auch damals immer schon in den Märchen thematisiert wurden, zurück in die heutige Realität holen“, sagt sie. Nun wimmelt es bei Karen Duve von Werwölfen, Zombies und sonstigen Monstern der Horrorkultur. Und die überzuckerte Zeit- und Ortlosigkeit der romantischen Märchen, in die 200 Jahre Klassikerwerdung sie verbannt hat, löst sich auf etwa im Sozialdrama mit kinderreicher Hartzer-Familie. In dem schlägt sich Rotkäppchen als eines von elf Geschwistern durch und ist auf die Hilfe eines Verehrers angewiesen, dem ein Arbeitsunfall das Hirn beschädigt hat. Auch in „Froschbraut“ tendieren die Dinge ins Prekäre. Denn die Titelheldin hat einen Vater, den sie nur „den Verbrecher“ nennt und der gewiss auch einer ist. Nachdem er sie gezwungen hat, mit einem Frosch im selben Bett zu schlafen, wird der Alte festgenommen. Aber immerhin hat sich ein schüchterner, rothaariger Polizist während der Ermittlungen in sie verliebt.

Bereits ab 2005 hatte Duve mehrere der Grimmschen Erzählungen für die „Vogue“ und die „Süddeutsche Zeitung“ überarbeitet. Darunter fand sich die weniger bekannte Geschichte „Bruder Lustig“, in der Jesus Christus höchst selbst einer der Protagonisten ist.

Dass sie teilweise kräftig in den Stoff eingriff, macht Karen Duve keine Sorgen. Auch die Gebrüder Grimm haben die von ihnen entdeckten „Kinder- und Hausmärchen“ stark bearbeitet. Der Grimmforscher Heinz Rölleke erzählte vergangene Woche in einem Radiointerview, dass die Grimms, damals noch Studenten, nicht etwa geniale Feldforscher gewesen seien, sondern sich auf Anraten von Clemens von Brentano mit einigen hessischen Frauen zusammengesetzt und deren Geschichten mitgeschrieben haben. Der Gesprächskreis bestand allerdings nicht aus einfachen Hausfrauen – Brentano hatte seinen beiden Studenten auch die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff vermittelt. Die erste Auflage der Märchen floppte fürchterlich, und außerdem stellte sich heraus, dass die meisten Geschichten einfach bis nach Hessen weitergetragene französische Märchen waren. Der Siegeszug der Grimmschen Sammlung begann erst, als Wilhelm sie massiv umgeschrieben hatte.

Karen Duve hat schon begonnen, an ihrem nächsten Buch zu arbeiten. Worum es genau gehen soll, mag sie nicht sagen. Nur, dass die Geschichte in einem Romantikerkreis rund ums Jahr 1820 spielen soll. In ihrem Regal drängen sich schon Dutzende von Büchern zur Recherche.

„Wissen Sie, wie viel die damals geraucht haben?“ Ungläubig schüttelt sie selbst den Kopf. „Es gibt eigentlich kein Bild aus der Zeit, in dem die Porträtierten nicht an einem Stumpen nuckeln.“ Um dieses Lebensgefühl beschreiben zu können, überlegt sie nun, sich für die Arbeit am neuen Buch wieder das Rauchen anzugewöhnen.

Es ist dunkel geworden in Ringenwalde, wir verlassen das Haus. Schnee und Eis haben zugenommen, die Straßen sind noch gefährlicher. Wieder ist Zeit, die Gedanken treiben zu lassen. Lebt eine Autorin, die für ihr letztes Buch verschiedene Ernährungsweisen ausprobiert hat und sich für ihr nächstes das Rauchen wieder angewöhnen will, vielleicht deshalb so abgeschieden am Waldrand in Brandenburg, weil hier, hinter den Bergen der Fantasie, eine schöne Prinzessin lebt? In einer WG mit kleinwüchsigen Minenarbeitern. Die sich aber leider gerade keinen Lippenstift leisten kann, weil ihr Ein-Euro-Job aus Etatgründen gestrichen werden musste.

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