• Interview mit Markus Dröge: „Einen Religionskrieg sollte man nicht herbeireden“

Interview mit Markus Dröge : „Einen Religionskrieg sollte man nicht herbeireden“

Der evangelische Berliner Landesbischof Markus Dröge spricht im Tagesspiegel-Interview über radikal-islamische Salafisten, Sparen und Wachsen und warum er keine Bibeln auf der Straße verteilen würde.

Claudia Keller Juliane Schäuble

Herr Dröge, sind Sie Fußball-Fan?

Ich habe früher selber gespielt und bin interessiert, aber nicht immer voll dabei. Aber jetzt bei der EM fiebere ich mit.

Würden Sie jetzt nach Kiew fahren?
Bundespräsident Gauck hat das richtige Zeichen gesetzt, indem er seine Teilnahme an einem Präsidententreffen im Vorfeld der EM abgesagt hat. Nur so kann man die Diskussion anregen. Wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten geht, ist die Öffentlichkeit sehr wichtig.

Soll die Kanzlerin daheim bleiben?
Es ist gut anzukündigen, dass man darüber nachdenkt – um bis zum Ereignis noch etwas in Bewegung zu setzen.

Ich würde sehr kurzfristig entscheiden, ob ich ein solches Regime mit meiner Anwesenheit aufwerte.

Laut einer Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen dafür, solche Spiele nur noch in Demokratien stattfinden zu lassen.
Die Deutschen sind bei Menschenrechtsfragen sensibel geworden. Zugleich ist es wichtig, den Dialog gerade mit solchen Ländern aufrechtzuerhalten, in denen Menschenrechte nicht viel gelten.

Welche Erfahrung machen Sie auf Reisen?
Wir als evangelische Kirche versuchen – etwa mit den Projekten des Evangelischen Entwicklungsdienstes –, die Menschen vor Ort zu stärken, damit sie ihre Rechte selbst wahrnehmen können.

Kirchen engagieren sich auch aus Solidarität mit Schwächeren heraus, aus Barmherzigkeit. Kommt die in der Politik zu kurz, etwa bei der aktuellen Krise in Europa?
In der Politik geht es nicht um Barmherzigkeit, sondern um Interessen. Denken Sie an Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Marshall-Plan sollte die soziale Not lindern und den Partner von morgen aufbauen. Wenn ich die Interessen des Partners nicht im Blick habe, werde ich auch meine Interessen auf Dauer nicht wahren können. Das ist in den letzten Jahren in der Philosophie einer völlig freien Marktwirtschaft verloren gegangen.

Von welchem Zeitraum sprechen Sie?
Ich meine die Zeit seit der friedlichen Revolution. Davor hatten wir zwei konkurrierende Modelle, den Kapitalismus und den Sozialismus, und der Westen musste zeigen, dass er auch sozial ist. Nachdem der Systemgegensatz weggefallen ist, haben sich die Marktradikalen durchgesetzt. Das müssen wir wieder justieren.

Die Wahlen in Griechenland und Frankreich haben gezeigt, wie unzufrieden viele Menschen mit den derzeitigen Rettungsmaßnahmen sind, die sie vor allem als Sparmaßnahmen wahrnehmen.
Die Menschen empfinden ein Gerechtigkeitsdefizit. Wir waren gewohnt, Fortschritt unter dem Aspekt des Wachstums zu betrachten: Gibt es wirtschaftliches Wachstum, wird es Wohlstand geben, der allen zugutekommt. Aus der Entwicklungsarbeit wissen wir, dass das nicht automatisch der Fall ist. Wenn Länder sich volkswirtschaftlich entwickeln, geht oft die Schere zwischen Arm und Reich auf.

Wie in Deutschland …
Genau. Deshalb brauchen wir ein anderes Verständnis von Wachstum. Zum nachhaltigen Wachstum gehört immer Gerechtigkeit. Auf kommunaler Ebene funktioniert das gut mit einem genossenschaftlichen Ansatz: Die Gewinne zum Beispiel aus einem Windpark müssen in der Region bleiben. Denn die Bevölkerung muss ja auch die Belastungen in Kauf nehmen. Nur wenn alle die Lasten schultern und die Einnahmen teilen, gibt es eine gerechte Entwicklung.

Sie beschreiben einen dritten Weg?
Die soziale Marktwirtschaft ist von ihrem Ursprung her ein dritter Weg. Konnte man früher durch Verdrängungswettbewerb Wachstum erzeugen, stellt sich in der globalen Welt zunehmend die Frage, wohin die Verdrängten gehen sollen. Wenn nicht in allen Weltregionen menschenwürdiges Leben möglich ist, sind die Folge immense Migrationsbewegungen. Damit ist auch uns nicht geholfen.

Heute wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, die Parteien streiten über den richtigen Weg zwischen sparen, also Haushaltskonsolidierung, oder lieber investieren. Was ist besser?
Man muss die Menschen beim Sparen mitnehmen. Die Politik muss die Bürger überzeugen, dass die Maßnahmen gerecht sind und die Situation auf Dauer verbessern.

Im Westen wächst das Gefühl, dass es nun genug ist mit dem Verzicht, mit der West-Ost-Solidarität. Zu Recht?
Bei Solidaritätsmaßnahmen muss man immer fragen, ob sie noch ihren Zweck erfüllen. Dass nach 20 Jahren der Solidaritätszuschlag thematisiert wird, halte ich für normal. Ich stamme aus dem Westen und weiß aus Erfahrung, dass viele dort gar nicht mitbekommen haben, was im Osten geleistet werden musste und was immer noch an Unterstützung nötig ist.

Auch die Kirchen mussten in den vergangenen Jahren sparen – und müssten es wohl noch viel mehr, wenn die Kirchensteuer abgeschafft würde, wie es die Berliner Piraten fordern.
Ach, die Piraten. Sie werden ja nicht mal ihrem eigenen Anspruch gerecht: Ich habe sie mehrmals zum Gespräch eingeladen und keine Antwort bekommen. Dann wollen sie auf einmal die Kirchensteuer abschaffen. Den Einzug der Steuer haben Land und Kirchen vertraglich geregelt – einvernehmlich. Außerdem profitieren beide Seiten: Wir müssen kein eigenes Verwaltungssystem aufbauen und das Land bekommt 2,5 Prozent der Kirchensteuer als Gebühr. Das hätten die Piraten wissen können. Insgesamt agieren sie nicht besonders transparent.

Sehen Sie in der antikirchlichen Haltung der Piraten einen gesellschaftlichen Trend?
Staat und Kirche sind laut Grundgesetz getrennt – und arbeiten konstruktiv zusammen. Oft wird so getan, als ginge die Trennung nicht weit genug. Wenn man nachfragt, merkt man, dass die Kritiker wenig Ahnung von unserem bewährten Religionsrecht haben. Das macht mir Sorgen.

Haben die Kirchen schlecht informiert?
Wir müssen deutlicher erklären, was wir machen. Der Kulturstaatsminister hat zum Beispiel errechnet, dass in Deutschland die Kirchen in der Kulturarbeit finanziell so viel leisten wie alle Kommunen zusammen. Und es gilt die Faustregel: Wenn wir Aufgaben übernehmen, zu denen der Staat verpflichtet ist, spart die öffentliche Hand 20 Prozent.

Religion wird häufig über Extreme wahrgenommen. Derzeit machen radikal-islamische Salafisten Schlagzeilen. Sie missionieren, indem sie Koran-Exemplare verteilen.
In einer pluralen Gesellschaft ist jede Religion gefordert, ihre Botschaft erkennbar zu machen. Aber es kommt darauf an, wie. Nach Jürgen Habermas ist für unsere Gesellschaft die offene und freiheitliche Kommunikation wesentlich. Die Salafisten machen das Gegenteil: Sie verbreiten die Heilige Schrift autoritativ, ohne zu sagen, welches Schriftverständnis und welches gesellschaftliche Interesse dahinter stehen.

Die Bibel verteilen wäre kein Schritt?
Ich habe auf einem Foto gesehen, wie ein Salafist den Koran verteilt. Daneben hielt ein Gegendemonstrant ein Plakat hoch, auf dem stand, wie oft im Koran das Wort „töten“ vorkommt. Das war für mich ein kultureller Tiefpunkt. In der Bibel kommt „töten“ auch oft vor, jede Religion kann konstruktiv und destruktiv sein. Heilige Schriften ohne Gesprächsangebot zu verteilen macht wenig Sinn. Deshalb ist Religionsunterricht so wichtig. Jugendliche müssen lernen, kritisch über Religionen zu sprechen, sie zu verstehen und den interreligiösen Dialog zu pflegen.

Vergangenes Wochenende haben aufgebrachte Salafisten in Bonn mit Messern auf Polizisten eingestochen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) will die Salafisten nun verbieten, weil er sich „keine Religionskriege aufzwingen“ lassen will. Ist die Reaktion angemessen?

Ja, aber einen Religionskrieg sollte man nicht herbeireden. Klare Abgrenzungen sind notwendig, denn Salafisten lehnen die moderne Welt pauschal ab. Sie wollen unsere Gesellschaft bekämpfen. Wer so eine Ideologie verbreitet, missbraucht die Religion und ist nicht dialogfähig.

Die jüngsten Zusammenstöße zwischen Salafisten und Rechtsextremen entzündeten sich an Mohammed-Karikaturen. Sollten solche Karikaturen verboten werden?

Nein, Religionen müssen kritisch betrachtet werden dürfen. Aber es sollte eine Grenze gewahrt bleiben.

Wo liegt die?
Wo es beleidigend wird. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, hat auf seiner Facebook-Seite „Too stupid to understand science – Try religion!“ gepostet. Mit dieser Abwertung religiösen Denkens ist für mich die Grenze überschritten.

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