• Zwischen Pergamonmuseum und Heimatstube: Das Museum Kleinmachnow soll Weltgeschichte erzählen

Zwischen Pergamonmuseum und Heimatstube : Das Museum Kleinmachnow soll Weltgeschichte erzählen

Die Kleinmachnower wollen ein lokales Museum gründen, aber wer und was soll darin vorkommen? Nach langen Diskussionen soll eine Entscheidung fallen.

Inga Dreyer
Der kleine Ort mit rund 20.000 Einwohnern hat eine bewegte Geschichte hinter sich.
Der kleine Ort mit rund 20.000 Einwohnern hat eine bewegte Geschichte hinter sich.Foto: Andreas Klaer

Ein Museum für Kleinmachnow soll entstehen. So viel ist klar. Was aber genau in der Ende der 1920er-Jahre erbauten, ehemaligen Auferstehungskirche am Jägerstieg die Besucher erwarten wird, ist offen – und soll in den kommenden Wochen entschieden werden. Nach jahrelangen Diskussionen.

Zuerst muss geklärt werden: Wozu braucht es ein Museum überhaupt? Was soll es leisten? Und wer schaut sich das an? Es gehe um Repräsentation, lokale Identität – und auch um die Frage: „Wer erzählt wessen Geschichten?“, sagt Sophie Schulz. Die Kulturhistorikerin und Museologin hat im Auftrag der Gemeinde ein Konzept für ein potenzielles Museum erarbeitet und im Herbst vergangenen Jahres vorgestellt.

„Es gibt großes Potenzial, aber auch eine komplexe politische Gemengelage“, sagt Schulz, die unter anderem für das Museum der Dinge in Kreuzberg gearbeitet hat. Menschen hätten unterschiedliche Vorstellungen davon, was „Museum“ bedeute, sagt sie. „Der eine denkt ans Pergamonmuseum, der andere an Heimatstube.“

Irgendwo dazwischen bewegen sich auch die Ideen für Kleinmachnow. Mit dem „Dazwischen“ hat die südlich an Berlin grenzende Gemeinde im Landkreis Potsdam-Mittelmark viel Erfahrung. Sie liegt zwischen Berlin und Potsdam, zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land.

Nach außen hin wirkt der Ort mit seinen ruhigen Straßen, hohen Bäumen, hübschen Vorgärten und aufgereihten Einfamilienhäusern aufgeräumt. Doch hinter der verschlafenen Oberfläche verbergen sich bewegte Geschichten, sagt Sophie Schulz. „Kleinmachnow wirkt klein und behaglich, aber bei näherem Hinsehen spiegelt sich darin Weltgeschichte.“

In den 1920er- und 30er-Jahren zog der Ort – auch wegen seiner Nähe zu Babelsberg – Schauspieler*innen, Filmleute, Schriftsteller*innen und Kunstschaffende an. Die Komponisten Kurt Weill und Arnold Schönberg lebten hier, zu DDR-Zeiten die Schriftstellerinnen Christa Wolf und Maxie Wander. Bekannte Nachbarn, die heutzutage von sich reden machen, heißen Arafat Abou-Chaker und Bushido.

Unterirdische Tunnel in den Westen

Vom mondänen Berliner Vorort wurde Kleinmachnow zu DDR-Zeiten zur Gemeinde an der innerdeutschen Grenze. Geschichten aus dieser Zeit handeln von Grundstücken an der Grenze, die nur mit Passierschein betreten werden durften, von unterirdischen Tunneln und Menschen, die bei Fluchtversuchen in den Westen erschossen wurden.

Alteingesessene gibt es nur noch wenige. Von rund 20.000 Einwohnern sind mehr als 17.000 nach der Wende zugezogen. In den 1990ern meldeten zahlreiche Alteigentümer*innen Rückübertragungsansprüche an. So wurde Kleinmachnow als „Hochburg der Restitution“ bekannt. Für Menschen, die ihre Häuser räumen mussten, wurde die Siedlung am Stolper Weg gebaut. Heute ist Kleinmachnow vor allem für junge Familien attraktiv.

In die ehemalige Auferstehungskirche am Jägerstieg soll das Museum für Kleinmachnow einziehen. Sophie Schulz kümmert sich ums Konzept.
In die ehemalige Auferstehungskirche am Jägerstieg soll das Museum für Kleinmachnow einziehen. Sophie Schulz kümmert sich ums...Foto: privat

Eine Idee ist, dass das neue Museum Brücken zwischen den unterschiedlichen Generationen von Einwohner*innen schlagen könnte. Hans Schimkönig von der Museumsinitiative Kleinmachnow gehört zu den „Zugezogenen“, hat sich aber in die Geschichte des Ortes vertieft. Als er nach Kleinmachnow kam, habe er wenig gewusst, berichtet Schimkönig. „Ich hatte eigentlich keine Vorstellung. Das ist spektakulär, was man hier entdeckt.“

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Neben der Museumsinitiative engagieren sich auch die Aktionsgruppe Stolpersteine und der Heimat- und Kulturverein für die Geschichte des Ortes. Axel Mueller, Heimatvereins-Vorsitzender, lebt schon seit den 1960ern in Kleinmachnow.

Trotzdem war auch ihm manches verborgen geblieben – beispielsweise, dass während des Zweiten Weltkrieges KZ-Häftlinge für die Dreilinden Maschinenbau GmbH in Kleinmachnow arbeiten mussten. Erfahren habe er davon erst bei einem Besuch ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter in den 1990ern. Diese „erschütternde Erkenntnis“ sei der Ausgangspunkt seines historischen Engagements gewesen, erzählt Mueller.

Das Museum soll überregionales Publikum anlocken

Die beiden Vereine und die Aktionsgruppe Stolpersteine sollen ihren Sitz in der ehemaligen Auferstehungskirche haben und an der Gestaltung des Hauses mitwirken. So hat es die Gemeindevertretung kürzlich beschlossen. Aber was soll dort noch passieren? Sophie Schulz' Konzept steht für ein professionell geführtes Haus mit anderthalb festen Stellen, einer Dauerausstellung und wechselnden Ausstellungen zu Jahresthemen. Ein Ort, der für die Einwohner*innen, aber auch für ein überregionales Publikum attraktiv sein soll.

Am Teltowkanal gibt es bereits ein Museum.
Am Teltowkanal gibt es bereits ein Museum.Foto: Manfred Thomas

Im Herbst 2020 hatten die Kuratorin und ihre Vorgängerin Alexis Hyman Wolff zu einer Tagung in die ehemalige Kirche geladen, bei der Vertreter*innen zweier etablierter ortsbezogener Museen von ihren Erfahrungen berichteten: Kenneth Anders und Nora Scholz vom Oderbruch Museum Altranft (Märkisch-Oderland) und Udo Gößwald vom Museum Neukölln.

„Mein Wunsch ist, dass das Kleinmachnower Museum dazu beiträgt, dass Menschen – wo immer sie herkommen – sich hier beheimaten. Dass sie den Ort nicht nur als Schlafzimmer sehen, sondern ihn auch weiterentwickeln wollen“, sagte Cornelia Behm, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates.

„Jeder, der herkommt, bringt auch etwas mit“

Die Beispiele aus Neukölln und Altranft zeigen, wie Museen durchaus an so etwas wie Gemeinschaftsbildung mitwirken können, auch wenn deren Vertreter*innen nicht den Begriff „Identität“ verwenden. „Das hat etwas Existenzialistisches“, sagt Kenneth Anders vom Oderbruch Museum. Museen sollten nicht versuchen, regionale Identität zu definieren, sondern an die Vielfalt einer Gegend anknüpfen. „Jeder, der herkommt – aus welchen Gründen auch immer – bringt auch etwas mit“, betont Udo Gößwald.

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Die Vielstimmigkeit der Erzählung und die Partizipation der Einwohnerschaft sind auch für Sophie Schult zentrale Aspekte. „Damit spiegelt man zurück: Das sind eure Geschichten, das seid ihr. Das ist kein Elfenbeinturm-Museum, in dem Wissenschaftler in verstaubten Beständen herumwühlen und ab und zu irgendetwas ausstellen.“

Wie die Organisation des Hauses tatsächlich aussehen wird, soll im Mai entschieden werden. Mitglieder mehrerer Fraktionen haben einen Vorschlag eingebracht. Demnach sollen zwei Personen für die Geschäftsführung und die Betreuung der Sammlung eingestellt und Kurator*innen projektbezogen auf Honorarbasis hinzugezogen werden.

Die kontinuierliche künstlerische und inhaltliche Arbeit leistet bei diesem Vorschlag jedoch ein Beirat, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Gemeindevertretung, der Verwaltung sowie zwei weiteren Personen. Diesen Punkt sieht Bürgermeister Michael Grubert (SPD) kritisch. „Ich halte einen künstlerischen Beirat aus Gemeindevertretern für nicht zielführend“, sagt er. Auch innerhalb der Fraktionen gibt es unterschiedliche Vorstellungen. „Vielleicht machen wir auch ein ganz normales, besseres Heimatmuseum“, sagt Grubert. Wichtig sei, dass nach fünf Jahren Diskussion eine Entscheidung falle.