• Regionalverkehr während der Pandemie: Volle Züge von Berlin nach Brandenburg – wie reagiert die Bahn?

Regionalverkehr während der Pandemie : Volle Züge von Berlin nach Brandenburg – wie reagiert die Bahn?

Gerade zu Stoßzeiten und am Wochenende ist der Regionalverkehr in der Pandemie oft überlastet. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Noch schnell in den Zug: Eine Regionalbahn im Berliner Hauptbahnhof.
Noch schnell in den Zug: Eine Regionalbahn im Berliner Hauptbahnhof.Foto: Lukas Schulze/dpa

Gedränge auf den Bahnsteigen, volle Züge, auf Radfahrer schimpfende Mütter mit Kinderwagen, mehr oder weniger überforderte Zugbegleiter, die nur noch das Chaos verwalten können. Solche Szenen sollten sich normalerweise in Pandemie-Zeiten nicht abspielen, aber es gibt sie immer wieder. Besonders an den Wochenenden, wenn es die Berliner von jeher hinaus ins Umland zieht, kann man in vielen Regionalzügen vom Mindestabstand nur träumen.

Aber warum reagiert die Bahn nicht darauf? Warum setzt sie nicht mehr Züge oder wenigstens Wagen ein? Es sind immer die gleichen Fragen, die sich viele Fahrgäste nicht erst stellen, seit es Corona gibt.

Die Antworten sind auch immer die gleichen: Man habe nicht genügend Züge beziehungsweise könne es sich nicht leisten, sie außerhalb der Stoßzeiten ungenutzt herumstehen zu lassen. Man könne aus Sicherheitsgründen nicht einfach Wagen anhängen. Und überhaupt betrage die durchschnittliche Auslastung der Züge nur etwa 50 Prozent, in der Pandemie seien es sogar nur 30 Prozent.

Außerdem, sagt Joachim Radünz, Sprecher vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, gibt es seit Beginn der Ausflugssaison Ende März durchaus bereits wieder zusätzliche Züge – und zwar nach Prenzlau, Neustrelitz und Cottbus: „Die fahren zu für Ausflügler attraktiven Tageszeiten – am Wochenende in der Regel gegen 10 Uhr ab Berlin. Die Rückkehr ist dann meist so zwischen 18 und 18.30 Uhr.“ 

Des Weiteren wurden auch die Regional-Express-Züge 3 und 5 wieder um einen Fahrradwagen verstärkt, um mehr Radler in Richtung Ostsee, aber auch ins Elbe-Elster-Land und nach Teltow-Fläming mitnehmen zu können. „Noch in der Pipeline sind zusätzliche Ostseezüge analog letztem Jahr“, sagt Joachim Radünz, „aber die sind abhängig von der Corona-Landesverordnung in Mecklenburg-Vorpommern“.

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So lange diese noch Einreisesperren für Nicht-Mecklenburger enthalte, machten Ostseezüge von Berlin aus keinen Sinn. Mehr noch: Angesichts der aktuellen Pandemiesituation wurden die Sonderzüge „Ostseeverkehr“ zwischen dem 12. und dem 24. Mai 2021 teilweise storniert.

Nach jetzigem Kenntnisstand soll das Sonderzugprogramm am 28. Mai wieder aufgenommen werden, sagt Radünz. Das könne sich aber auch noch ändern, wenn es beispielsweise schon früher Lockerungen der strengen Corona-Regeln gebe.

Auf die von manchen Fahrgästen gestellte Frage, warum man für die besonders ausgelasteten Züge nicht einfach Online-Reservierungen – zumindest für die Fahrradmitnahme – verbindlich vorschreibt, also analog der Terminvergabe bei Friseuren und im Einzelhandel, hat der VBB-Sprecher eine klare Antwort: „Wir wollen ein offenes System beibehalten. Selbst bei Online-Reservierungen gibt es keine Garantie, dass nicht auch Reisende ohne Reservierung im Zug sitzen“, sagt Joachim Radünz. Und verweist auf eine entsprechende VBB-Umfrage unter den Nutzern des Regionalverkehrs im Jahr 2017: „Das Ergebnis war, dass unsere Fahrgäste eine Reservierungsmöglichkeit nicht wünschen.“

Der Fahrgastverband fordert spezielle Fahrradzüge

Es sei schon immer so gewesen, dass die Eisenbahn in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Frankreich ein offenes System war, sagt auch Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband (Igeb): „Jeder kann jederzeit zum Bahnhof gehen und los fahren – ohne jegliche Zugangsbeschränkungen. Und das finden wir, ehrlich gesagt, auch gut so.“ Allerdings würde von Seiten der Bahn zu wenig unternommen, um die Verkehrsströme in Pandemie-Zeiten besser zu lenken, meint Wieseke.

So führe beispielsweise die für kommenden Juni geplante Abschaffung des beliebten Ostsee-Tickets (der Tagesspiegel berichtete) zu einer noch stärkeren Auslastung beziehungsweise Überlastung der Regionalzüge. Außerdem fehlten ihm entsprechende Hinweise und Vorschläge an Radfahrer. So sollten diese an den Wochenenden für die Rückfahrt nach Berlin besser einen S-Bahnhof ansteuern.

Also beispielsweise morgens mit dem Zug nach Eberswalde und dort in die Regionalbahn Richtung Templin einsteigen. „Vom Kaiserbahnhof Joachimsthal könnte man dann am Werbellinsee entlang bis Oranienburg oder Bernau radeln – auch wenn es leider noch nicht überall gut ausgebaute Radwege gibt.“ Dafür sei man aber sicher, mit dem Rad in der S-Bahn wieder nach Hause zu kommen.

Auch über die Bereitstellung spezieller Fahrradzüge an bestimmten Tagen könne die Bahn nachdenken, sagt Jens Wieseke. „Aber das scheitert zum einen an ökonomischen Zwängen und zum anderen an der unglaublichen Trägheit des Systems. Das ist so schwerfällig, da wird bis zum Ende der Pandemie nichts mehr passieren.“