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Nahverkehr in Berlin und Brandenburg : Preis des Einzeltickets steigt auf drei Euro - Kritik von der Linkspartei

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hat höhere Tarife beschlossen. Einzeltickets werden teurer, Tageskarten gelten nun 24 Stunden. Nicht alle begrüßen das.

Sophie Krause
Passanten an einer BVG-Tramhaltestelle am Alexanderplatz.
Passanten an einer BVG-Tramhaltestelle am Alexanderplatz.Foto: imago images / Jochen Tack

Am Mittwoch hat der Aufsichtsrat des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), der mit Vertretern Berlins, Brandenburgs und den Städten und Kommunen besetzt ist, über eine Anhebung der Tarife im Nahverkehr ab 1. Januar 2021 entschieden. 

Wie der VBB am Mittwochnachmittag mitteilte, ergebe sich auf Basis des VBB-Tarifindex eine verbundweite durchschnittliche Steigerungsrate von rund 1,9 Prozent. Betroffen von den Erhöhungen sind wie erwartet vor allem Einzelfahrscheine und Tageskarten.

So steigt das Einzelticket Berlin AB um 10 Cent auf 3 Euro. Auch in den kreisfreien Brandenburger Städten Cottbus, Frankfurt/Oder und Brandenburg an der Havel müssen Fahrgäste künftig zehn Cent mehr bezahlen. Dort steigt der Preis für den Einzelfahrausweis auf 1,90 Euro.

„Erstmals seit 2014 steigt auch die 4-Fahrten-Karte leicht im Preis, ist damit aber immer noch günstiger und bringt schon bei der ersten Fahrt mit Bus und Bahn eine Ersparnis gegenüber dem Einzelticket“, heißt es beim VBB. Damit steigen die Fahrpreise vor allem für Gelegenheitsfahrer.

Unverändert hingegen bleibt der Preis für die VBB-Umweltkarte (AB) in Berlin, die als Monatsticket weiterhin 84 Euro kosten soll. Auch in Frankfurt/Oder und Brandenburg an der Havel ändert sich der Preis von jeweils 39,90 Euro dafür nicht.

Die Tageskarte AB steigt um 20 Cent auf 8,80 Euro (Tageskarte ABC: Statt 9,60 jetzt 10 Euro). Sie wird dafür künftig volle 24 Stunden gelten und nicht wie bisher nur bis drei Uhr nachts.

"Die Tageskarte soll damit insbesondere für Tourist*innen attraktiver und die Möglichkeiten des digitalen Vertriebs verbessert werden", hieß es dazu vom VBB. Ausgenommen von der Umstellung auf eine 24-Stunden-Gültigkeit ist den Angaben zufolge die Tageskarte VBB-Gesamtnetz. "Sie behält ihre bisherige Gültigkeit montags bis freitags von 9 Uhr bis 3 Uhr des Folgetages, an Wochenenden und feiertags von 0 Uhr bis 3 Uhr des Folgetages."

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Teurer werden in Berlin auch die Kleingruppen-Tageskarten AB und ABC um zwei Euro beziehungsweise 1,60 Euro. Das VBB-Abo 65plus erhöht sich um einen Euro pro Monat. Das VBB-Abo Azubi-erhöht sich um einen Euro im Monat, bleibt im Abo aber konstant.

Die Erhöhungen im Überblick (alte Preise in Klammern) :

  • Kurzstrecke: 2,00 Euro (1,90)
  • 4xKurzstrecke: 6,00 Euro (5,60)
  • Berlin AB: 3,00 Euro (2,90)
  • 4xBerlin AB: 9,40 Euro (9,00)
  • Tageskarte AB: 8,80 Euro (8,60)
  • 7 Tage Berlin AB: 36 Euro (34)
  • Monat AB: 86 Euro (84)
  • Berlin ABC: 3,80 Euro (3,60)
  • VBB-Abo 65+: 624 Euro (612)
  • Tag VBB-Netz: 23 Euro (22)
  • Anschluss A/C: 1,80 Euro (1,70)
  • Die Preise für Berliner Abo-Karten mit monatlicher oder jährlicher Abbuchung bleiben gleich. Das gilt auch fürs Jobticket.

Teurer werden in Berlin auch die Kleingruppen-Tageskarten AB und ABC um zwei Euro beziehungsweise 1,60 Euro. Das VBB-Abo 65plus erhöht sich um einen Euro pro Monat.

Tickets des alten Tarifs sollen länger gelten

Neu ist auch, dass die Tickets des alten Tarifs ab jetzt länger gelten sollen: "Fahrausweise verloren bisher 14 Tage nach einem Tarifwechsel ihre Gültigkeit und konnten nur gegen Zuzahlung des Differenzbetrages bei dem Verkehrsunternehmen umgetauscht werden, bei dem sie gekauft wurden. Die neue Übergangsfrist von sechs Monaten bedeutet eine kundenfreundliche Verbesserung für die Fahrgäste", teilte der VBB mit.

"Im Voraus erworbene und noch nicht entwertete Einzelfahrausweise, Tageskarten, Kleingruppentageskarten und 7-Tage-Karten können somit noch sechs Monate zum alten Preis bis Ende Juni 2021 genutzt werden."

Coronakrise traf vor allem die vielen kleinen Busbetriebe

Die Erhöhung der Tarife orientiere sich an den Steigerungen der Lebenshaltungs-, Strom-, und Kraftstoffpreise. Außerdem begründete der VBB den Schritt mit gestiegenen Personalkosten sowie künftigen neuen Angeboten, die den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen sollen.

[Die Übersicht der neuen VBB-Tarife ab 1. Januar 2021 kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden.]

Angesicht der durch die Coronakrise für die Verkehrsunternehmen noch verstärkten schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage erhöhe man die Preise für einzelne Tickets moderat und setze weiter auf Kontinuität, heißt es beim VBB. "Für viele Fahrgäste wird sich trotz der Fahrpreiserhöhungen zum 1. Januar 2021 keine Verschlechterung ergeben."

Zum VBB gehören in Berlin und Brandenburg eigenen Angaben zufolge 37 Verkehrsunternehmen, darunter die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die S-Bahn Berlin.

Vor allem die vielen kleinen Busbetriebe in Brandenburg sind hart von der Coronakrise getroffen worden und forderten eine Anhebung. Diskutiert wurde zuletzt, ob eher die Preise für Einzelfahrscheine steigen oder die Preise der Zeitkarten.

Moritz: Bislang geltender Mechanismus für Erhöhungen gehört "auf den Prüfstand"

Der Grünen-Verkehrsexperte Harald Moritz hatte am Vormittag gesagt, dass unabhängig von der Entscheidung des VBB der bislang geltende Mechanismus für Erhöhungen "auf den Prüfstand" gehöre.

Bislang werden die Preise nach einem Indexverfahren allgemeiner Kostensteigerungen "angepasst", "darüber müssen wir sprechen", sagte Moritz dem Tagesspiegel. Die aktuelle Erhöhung erfolgte wieder nach dem Index. 

Zeitkarten-Tarife in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht

In den vergangenen Jahren waren mehrfach die Tarife für Zeitkarten (das sind die Monats- und Jahreskarten) erhöht worden, weil dies sichere Einnahmen verspricht – damit wurden aber ausgerechnet die Stammkunden bestraft.

Zuletzt waren die Tarife zum 1. Januar 2020 erhöht worden. Bislang tragen Länder und Kommunen die Kosten. In Berlin wird auch über andere Modelle diskutiert, zum Beispiel über eine Umlage für Touristen oder alle Einwohner. 

Der Staatssekretär für Verkehr bei der Berliner Senatsverwaltung, Ingmar Streese, betonte, mit den neuen Tarifen sei ein „tragfähiger Kompromiss“ gefunden worden. „Dieses gemeinsame Vorgehen der Vertreter*innen aus beiden Ländern im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg stärkt die Metropolregion“, teilte er am Mittwoch mit.

Linke gegen Tariferhöhung

Kritik kam vom verkehrspolitischen Sprecher der Linksfraktion im Brandenburger Landtag, Christian Görke. „Mit dem heutigen Beschluss ist aus unserer Sicht eine wichtige Weiche falsch gestellt worden. Preiserhöhungen führen zum Verlust von Kunden, nicht zum Gewinn - insbesondere in der gegenwärtigen Situation.“

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Die Linke in beiden Bundesländern forderte einen Verzicht auf eine Tariferhöhung. In Brandenburg stellte die Partei den Antrag, dass die Landesregierung als Mitgesellschafter im Aufsichtsrat einer Fahrpreiserhöhung nicht zustimmen solle. Die Vertreter der rot-schwarz-grünen Koalition sprachen sich einhellig für eine Tariferhöhung aus.

Auch der Berliner Landesverband der Linkspartei hat via Twitter eine Tariferhöhung abgelehnt. "Fahrpreiserhöhungen haben wir gemeinsam als Rot-Rot-Grün ausgeschlossen, bis ein neues Preismodell da ist. Das ist mit uns nicht zu machen", schrieb der stellvertretende Landesvorsitzende Tobias Schulze in einem Tweet - die Landesvorsitzende Katina Schubert verbreitete diesen Tweet weiter. 

Auf die in den Kommentaren unter Schulzes Tweet geäußerte Frage, was "das ist mit den Linken nicht zu machen" heiße und ob Konsequenzen folgen würden, erklärte der Linken-Landesgeschäftsführer Sebastian Koch in einem Kommentar am Mittwochnachmittag: "Die Konsequenz wird sein, darüber zu sprechen. Die Berliner Aufsichtsratsmitglieder haben das durchgezogen ohne eine Verständigung in der Koalition. Das macht ziemlich ratlos."

Die Senatsverkehrsverwaltung "sollte die Frage beantworten, ob sie die Verabredungen des Koalitionsvertrags noch umsetzen wollen", so Koch.

Schulze schrieb außerdem: "Das wird Thema im Koalitionsausschuss werden." Berliner Vertreter im VBB-Aufsichtsrat kommen aus der Senatskanzlei, der Wirtschaftsverwaltung, der Verkehrsverwaltung und der Finanzverwaltung.

Schulze: "Das wird Thema im Koalitionsausschuss werden"

Der verkehrspolitische Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, Kristian Ronneburg, teilte mit: „Wir halten die Tariferhöhung im VBB für falsch. Sie wird unter den Bedingungen der anhaltenden Corona-Pandemie vor allem diejenigen Menschen zusätzlich belasten, die in sogenannten systemrelevanten Berufen tagtäglich auf den ÖPNV angewiesen sind.“ Vor allem aber erschwere die Tariferhöhung den im Zuge der Verkehrswende angestrebten Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn.

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„Besonders verstörend ist für uns, dass es über die Zustimmung der Vertreter*innen des Landes Berlins im Aufsichtsrat des VBB vorab keine Verständigung innerhalb der rot-rot-grünen Koalition und auch nicht im Senat gab. Im Gegenteil: Als Linksfraktion haben wir von Anfang an erklärt, dass wir die Tarife für das Berliner Tarifgebiet stabil halten wollen, so wie es auch im Koalitionsvertrag vereinbart wurde“, sagte Ronneburg.

Ärgerlich sei, dass eine Machbarkeitsstudie für eine weitere ÖPNV-Finanzierungssäule „auch aufgrund mangelnder fachlicher Vorbereitung“ immer wieder vorzögert habe. Die Linke fordere etwa die Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie „für ergänzende Finanzierungssäulen für den ÖPNV (ÖPNV-Abgabe, Nutznießerfinanzierung, Citymaut/Parkgebühren)“ sowie eine Aussetzung und Überarbeitung des Tarif-Indexverfahrens für das nächste Jahr. Berlin und Brandenburg müssten die Zukunft des VBB und die Reform der Tarifgestaltung "oberste Priorität ansehen" und eine "gemeinsame Vision entwickeln", die den unterschiedlichen Bedingungen und Herausforderungen im ÖPNV beider Länder gerecht werde. (mit dpa)