• Nach der Todesfahrt in Berlin-Charlottenburg: Giffey spricht von „dunklem Tag in der Berliner Stadtgeschichte“
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Nach der Todesfahrt in Berlin-Charlottenburg : Giffey spricht von „dunklem Tag in der Berliner Stadtgeschichte“

Nahe dem Breitscheidplatz lenkt ein 29-Jähriger sein Auto in eine Fußgängergruppe. Er verletzt 29 Menschen, darunter Schüler aus Hessen, ihre Lehrerin stirbt.

Alexander Fröhlich Ingo Salmen Björn Seeling
Kerzen und ein Blumenstrauß liegen auf dem Bürgersteig an der Tauentzienstraße.
Kerzen und ein Blumenstrauß liegen auf dem Bürgersteig an der Tauentzienstraße.Foto: Fabian Sommer/dpa

Am Tag nach der Todesfahrt unweit des Berliner Breitscheidplatzes sind die genauen Hintergründe noch unklar, Sicherheitskreise gehen von einer Amokfahrt aus. Auch Politiker sprechen von einer "Amoktat". Am Mittwochvormittag war an der Tauentzienstraße ein 29-Jähriger mit seinem Auto in eine Menschengruppe gefahren und anschließend in das Schaufenster einer Parfümerie. Eine Frau starb, zahlreiche Menschen wurden verletzt.

Nach Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (beide SPD) am Donnerstagmorgen entsprechend: „Das hat sich gestern Abend verdichtet“, sagte Giffey im RBB-Inforadio. Durch die Ermittlungen der Polizei sei klar geworden, „dass es sich um die Amoktat eines psychisch schwer beeinträchtigten Menschen handelt“. Mit Hilfe eines Dolmetschers werde versucht, mehr „aus den teilweise wirren Äußerungen, die er tätigt, herauszufinden“.

Ob die Plakate mit Bezug zur Türkei, die in dem Tatfahrzeug des Deutsch-Armeniers lagen, eine Rolle gespielt hätten, werde noch ermittelt. Giffey sprach von einem „dunklen Tag in der Berliner Stadtgeschichte“. Scholz hatte am Mittwochabend getwittert: „Die grausame Amoktat an der Tauentzienstraße macht mich tief betroffen.“

Weiter hieß es: „Die Reise einer hessischen Schulklasse nach Berlin endet im Alptraum. Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung.“

Bei seiner Tat tötete der Fahrer am Mittwochvormittag eine 51-jährige Lehrerin aus Hessen. Sie war mit einer zehnten Klasse einer Haupt- und Realschule aus dem nordhessischen Bad Arolsen zu Besuch in Berlin. Laut Polizei gibt es 32 Verletzte, darunter 14 Schülerinnen und Schüler. Von ihnen kamen sieben schwerverletzt zur Behandlung in Krankenhäuser, ebenfalls ein Lehrer; sieben weitere Schülerinnen und Schüler wurden leichtverletzt.

Darüber hinaus wurden 17 Passantinnen und Passanten unterschiedlich schwer verletzt und medizinisch versorgt. 50 weitere Personen wurden psychologisch betreut. Auch der Fahrer soll unter den Verletzten sein.

Informationen der B.Z., wonach eine schwangere Frau einen Hüftbruch und ein Mann einen offenen Oberschenkelbruch erlitten haben soll, konnte ein Feuerwehrsprecher nicht bestätigen.

Die Ermittlungen der Polizei werden von einer Mordkommission geführt, nicht vom Staatsschutz, der für eine politisch motivierte Tat zuständig wäre. Am Mittwoch wurde unter anderem auch die Wohnung des Fahrers in Charlottenburg durchsucht. Der Mann soll der Polizei wegen mehrerer Delikte bekannt gewesen sein, jedoch nicht in Zusammenhang mit Extremismus.

Die Innensenatorin hat für Donnerstag in Berlin Trauerbeflaggung angeordnet.

Am Mittwoch hatte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik im RBB erklärt, man ermittle in alle Richtungen. Psychische Beeinträchtigungen des Fahrers seien zwar nicht auszuschließen, aber alle anderen Hintergründe ebenso wenig. Die Polizei schließe im Moment „gar nichts aus“.

Durchsuchung in Wohnung des Fahrers

Am Abend durchsuchte die Polizei mithilfe eines Spezialeinsatzkommandos die Wohnung des Fahrers in Charlottenburg. Aufgrund der unklaren Hintergründe sei das normales Vorgehen, sagte eine Sprecherin der Polizei dem Tagesspiegel. Ob die Einsatzkräfte in der Wohnung etwas fanden, konnte die Sprecherin noch nicht sagen. Nach Informationen des Tagesspiegels wurde auch die Wohnung der Schwester durchsucht, allerdings ohne die Unterstützung eines Spezialeinsatzkommandos.

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Der Fahrer war gegen 10.30 Uhr am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche auf den Gehweg und dort in die Personengruppe gefahren. Ab der Einmündung zur Rankestraße setzte er seine Fahrt auf der Fahrbahn fort, der Kurfürstendamm geht dort in die Tauentzienstraße über. Etwa 100 Meter weiter bog er wieder nach rechts auf den Bürgersteig ab, überquerte die Marburger Straße und fuhr in das Schaufenster, wo er schließlich zum Stehen kam.

Tagesspiegel-Reporter Julius Geiler schilderte am Mittag in diesem Video erste Eindrücke vom Ort des Geschehens.

Bilder vom Unfallort zeigten den Renault Clio in der zerstörten Scheibe einer Douglas-Filiale gegenüber dem Europa-Center. Am Nachmittag teilte die Polizei zunächst mit, das große Einkaufszentrum am Breitscheidplatz sei teilweise geräumt worden, dann stellte sie klar, es sei nur „begangen“ worden.

Der Pkw krachte in das Schaufenster einer Douglas-Filiale an der Tauentzienstraße.
Der Pkw krachte in das Schaufenster einer Douglas-Filiale an der Tauentzienstraße.Foto: Julius Geiler

Man habe den Sperrkreis um das Fahrzeug erweitert, auch die U-Bahn vorübergehend unterbrochen, um den Wagen genauer zu untersuchen, hieß es. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls sich in dem Auto etwas Gefährliches befinden sollte, erklärte die Polizei. Doch es fanden sich weder Brand- noch Sprengvorrichtungen. Gegen 20 Uhr wurde das Tatfahrzeug abtransportiert. Die weiteren Ermittlungen übernimmt nun eine Soko namens „Douglas“.

Fahrer ist 29-jähriger Deutsch-Armenier aus Berlin

Nach Polizeiangaben ist der Autofahrer 29 Jahre alt, Deutsch-Armenier und lebt in Berlin. Er ist leicht untersetzt und hat eine Glatze. Bei der Festnahme trägt er einen blauen Trainingsanzug, das gelbe Polo-Shirt spannt über seinem Bauch. Der Mann wirkt verwirrt. Mit angelegten Handschellen, festgehalten von einem Polizisten, sagt er immer wieder zu den Passanten: "Bitte Hilfe, Bitte Hilfe".

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Bei dem Mann soll es sich um Gor H. handeln, der die Tat mit dem Auto seiner Schwester verübte; beide sind in Charlottenburg gemeldet, wohnen aber nicht zusammen. Weil der Fahrer keine Papiere bei sich hatte, wurde er bei der Bundespolizei am Zoo erkennungsdienstlich behandelt. Die Bundespolizei verfügt über sogenannte Fast-ID-Geräte, mit denen Fingerabdrücke elektronisch erfasst und mit einem bundesweiten Datensystem abgeglichen werden.

Sicherheitskreise gehen von Amokfahrt aus

Augenzeugen berichteten, sie hätten den Eindruck gehabt, dass der Fahrer gezielt in die Menschengruppe gefahren sei. Frühere Informationen, denen zufolge er 60 Jahre alt sein sollte, bestätigten sich nicht und stellten sich als Übermittlungsfehler heraus.

Eine Polizeisprecherin dementierte einen "Bild"-Bericht, wonach in dem Auto ein Bekennerschreiben gefunden worden sein soll. Dies sei nicht der Fall. Zum Motiv des Fahrers wollte sie sich nicht äußern.

Zeugen wollen gesehen haben, dass anti-türkische Plakate im Fahrzeug lagen. Innensenatorin Iris Spranger (SPD) bestätigte am Nachmittag, dass Plakate mit Äußerungen "über die Türkei" entdeckt worden seien. Zu weiteren Einzelheiten machte sie zunächst keine Angaben. "Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht", betonte Spranger jedoch, als sie den Ort des Geschehens besuchte.

Die Schwester des Verdächtigen sagte einem „Bild“-Reporter: „Er hat schwerwiegende Probleme.“ Nachbarn äußerten sich der Zeitung zufolge erstaunt, „dass er zu so einer Tag fähig ist.“

Opfer werden in der Gedächtniskirche betreut

Feuerwehr und Polizei waren mit einem großen Aufgebot vor Ort, die Polizei rückte mit 130 Kräften an. Auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße landete ein Rettungshubschrauber. Auf dem nahen Breitscheidplatz standen schwerbewaffnete Polizisten. Die psychosoziale Notfallversorgung der Feuerwehr betreute in der Gedächtniskirche zahlreiche Betroffene, darunter auch Leichtverletzte. Polizeipräsidentin Barbara Slowik machte sich gegen Mittag selbst ein Bild von der Lage.

Mehrere Personen wurden bei dem Vorfall in der City West verletzt, ein Mensch starb.
Mehrere Personen wurden bei dem Vorfall in der City West verletzt, ein Mensch starb.Foto: Odd ANDERSEN / AFP

Die Polizei rief Zeuginnen und Zeugen dazu auf, Hinweise und Mediendateien zum Geschehen zu übermitteln, um die Ermittlungen zu unterstützen. Sie können unter diesem Link an das Hinweisportal der Berliner Polizei übermittelt werden.

Ein Zeuge berichtet in einem Twitter-Video

Der britisch-amerikanische Schauspieler John Barrowman wurde Zeuge des Geschehens. Er sei während des Vorfalls in einem Geschäft gewesen. „Es ist wirklich ziemlich schlimm“, berichtete er in einem Video, das er am Vormittag bei Twitter teilte. Eine Leiche liege auf der Straße, viele Leute seien verletzt, würden hinken.

Barrowman zufolge kam der Wagen aus westlicher Richtung über den Kurfürstendamm und fuhr in Höhe der Gedächtniskirche auf den Gehweg, zurück auf die Straße, wo er einen Fußgänger anfuhr, und dann wieder am Übergang zur Tauentzienstraße auf den Gehweg. Dort sei er in die Passanten gefahren, an einem Café vorbei und in die Douglas-Filiale gekracht.

Ein Mitarbeiter der McDonald's-Filiale am Breitscheidplatz berichtete, der Wagen sei mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen, ein Abbremsen habe er nicht erkennen können.

Giffey: „Tief betroffen von diesem schlimmen Ereignis“

Die Bundesregierung drückte nach dem tödlichen Vorfall am Mittwoch ihr Mitgefühl aus. Die Regierung sei „sehr betroffen und erschüttert“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann. Die Gedanken und das Mitgefühl seien bei den Verletzten und ihren Angehörigen.

Auch ein Sprecher von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) drückte den Betroffenen Mitgefühl aus. „Vor allen Dingen gilt unsere Hoffnung, dass die Schwerverletzten und Verletzten wieder genesen“, sagte er. Ermittlungen und Aufklärung liefen unter Hochdruck, es sei aber zu früh, über Hintergründe zu sprechen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich ebenfalls bestürzt geäußert. „Meine Gedanken sind bei den schwer und sehr schwer Verletzten, bei dem Todesopfer“, erklärte er am Mittwoch. „Und sie sind bei denen, die Schreckliches erleben mussten. Mein tiefes Mitgefühl gilt ihnen, allen Angehörigen und Hinterbliebenen.“

Die hessische Landesregierung zeigte sich tief bestürzt. „Diese schockierende Nachricht aus Berlin macht mich fassungslos und tief betroffen. Meine Gedanken sind bei den Opfern, die voller Freude auf einer Klassenfahrt in der Hauptstadt waren“, teilte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) mit. Notfallbetreuungsteams seien nach Bad Arolsen geschickt worden, um den Angehörigen, Mitschülern und Lehrern beizustehen.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zeigte sich „tief betroffen von diesem schlimmen Ereignis“. Sie dankte den Einsatzkräften für ihre Arbeit vor Ort und sprach den Geschädigten sowie deren Angehörigen ihr Mitgefühl aus.

Innensenatorin Spranger teilte auf Twitter mit: "Ich bin schockiert über den Vorfall in Charlottenburg. Ich bin in der Lagezentrale und informiere mich laufend. Meine Gedanken und mein tiefes Mitgefühl sind bei allen Betroffenen."

Die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Kirsten Bauch (Grüne), sprach den Angehörigen des Todesopfers ihr Beileid aus und wünschte den Verletzten eine schnelle Genesung. "Wir müssen alles dafür tun, um künftig solche folgenschweren Unfälle verhindern zu können", sagte Bauch, auch wenn es noch zu klären sei, wie es dazu kam.

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"Wir sind schockiert über den entsetzlichen Vorfall am Tauentzien und in Gedanken bei der Toten, den Verletzten und ihren Angehörigen", sagte der Berliner Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Stephan Weh. "Wichtig ist, dass man Polizei und Feuerwehr vor Ort ihre Arbeit machen lässt und aus Fehlern der Vergangenheit lernt." Sie würden auch solche Einsätze zwar professionell bewältigen, seien aber auch Menschen, "bei denen die grauenvollen Bilder auch Spuren hinterlassen". Daher müsse es auch eine umfassende Nachbereitung für die Einsatzkräfte geben.

2016 gab es am Breitscheidplatz einen Terroranschlag

In Berlin hatte es in den vergangenen Jahren mehrere Fälle gegeben, bei denen Menschen durch Autofahrer schwer verletzt oder getötet wurden – ob durch Terror oder bei Unfällen. Im Dezember 2016 war der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lkw an der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Damals starben zwölf Menschen, mehr als 70 wurden verletzt. Der Tunesier wurde wenige Tage später auf seiner Flucht in Italien von der Polizei erschossen.

Im September 2019 war ein SUV-Fahrer auf der Invalidenstraße Mitte von der Fahrbahn abgekommen. Das Fahrzeug überschlug sich und tötete auf dem Gehweg einen Dreijährigen und seine Großmutter sowie zwei Männer. Im Februar 2022 war der deutsche Fahrer zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Er war trotz einer Epilepsie-Erkrankung und einer Gehirnoperation einen Monat vor dem Unfall Auto gefahren.

Im August 2020 rammte ein 31-jähriger Iraker bei einer Amokfahrt auf der Berliner Stadtautobahn mit seinem Auto zunächst mehrere Fahrzeuge und fuhr dann drei Motorradfahrer an, mehrere Menschen wurden schwer verletzt. Das Berliner Landgericht ordnete Anfang 2022 die weitere Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Aus einem krankhaften Wahn heraus sei es zu den Taten gekommen, lautete die Begründung. (mit dpa)