Möglicher Wiederaufbau der Karniner Brücke : Von Berlin nach Usedom in nur zwei Stunden?

Die Reisezeit von Berlin nach Usedom könnte sich künftig halbieren. Dafür müssten eine alte Trasse und eine zerstörte Brücke wieder errichtet werden.

Klaus Kurpjuweit
Die ehemalige Hubbrücke Karnin bei Usedom führte einst vom Festland zur Insel. 1945 zerstörte die Wehrmacht den Bau.
Die ehemalige Hubbrücke Karnin bei Usedom führte einst vom Festland zur Insel. 1945 zerstörte die Wehrmacht den Bau.Foto: imago/Leo

Im kommenden Jahr soll sich nach langen Debatten zeigen, wie realistisch es ist, die Fahrzeit mit dem Zug zwischen Berlin und Usedom drastisch zu verkürzen. Würde die 1945 nach der Sprengung der Peene-Brücke bei Karnin auf Usedom – die Verbindung vom Festland zur Insel – demontierte Strecke wieder aufgebaut, könnte die Reisezeit von etwa vier auf rund zwei Stunden halbiert werden.

Nach Angaben von Günther Jikeli, dem Sprecher des Aktionsbündnisses Karniner Brücke, wäre der Wiederaufbau der 38 Kilometer langen Strecke zwischen Ducherow an der Hauptstrecke Berlin-Stralsund/Rügen und Ahlbeck auf der Insel sogar verhältnismäßig günstig. Rund 150 Millionen Euro seien dafür veranschlagt, sagte Jikeli am Sonntag bei einer Sonderfahrt des Fachausschusses Mobilität der Berliner SPD-Fraktion mit einem Zug nach Swinemünde auf Usedom. Der Fachausschuss unterstützt seit Jahren die Wiederaufbaupläne.

Weil das Bundesverkehrsministerium die Verbindung Berlin-Usedom als regionale Strecke einstuft und kein Geld bereit stellen will, machte die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern drei Millionen Euro locker, um eine detaillierte Vorplanung erstellen zu können.

Das Ergebnis soll bis zum Jahresende vorliegen. Danach soll es eine sogenannte Nutzen-Kosten-Untersuchung geben. Fiele diese positiv aus, könnte der Wiederaufbau auch mit Mitteln aus dem Bundesverkehrswegeplan finanziert werden. Zudem hofft man auf Geld der EU.

Die konkreten Pläne

Vorgesehen ist derzeit, die einst zweigleisige Hauptstrecke mit nur einem Gleis aufzubauen. Dazu soll es zwei zweigleisige Abschnitte geben, wo sich Züge begegnen können. Auch eine Oberleitung soll installiert werden, damit die Fahrt klimafreundlich erfolgen kann.

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Erleichtert würden die Arbeiten, weil die frühere Trasse noch weitgehend erhalten ist. Mehrere kleinere Brücken müssten allerdings neu gebaut werden. Und in Swinemünde müsste eine neue Lage für die Gleise gefunden werden, weil die alte Trasse inzwischen verbaut ist. Pläne dafür liegen auch schon vor.

Nicht alle Bewohner Usedoms sind von dem Vorhaben begeistert. Wie meist bei Infrastrukturprojekten wehren sich vor allem Anwohner gegen eine Wiederaufnahme des Zugverkehrs vor ihren Häusern. Protest komme vor allem von Berlinern, die in Karnin dicht an der alten Trasse Ferienhäuser gebaut hätten, sagte Jikeli. Mit einem „Sonderzug nach Pankow“ will das Aktionsbündnis im April in Berlin für den Wiederaufbau werben.

Auch Fahrten nach Polen verkürzten sich

Auch polnische Unterstützer gebe es. Denn auch die polnische Stadt Swinemünde würde davon profitieren. Fahrten mit dem Zug nach Deutschland würden viel schneller.

Derzeit gibt es nur eine Verbindung von Swinemünde durch Polen über Stettin nach Berlin, die mehr als vier Stunden dauert. Und auch nach dem schon vor Jahren zwischen Deutschland und Polen vereinbarten Ausbau der 49 Kilometer langen Strecke zwischen Angermünde und der Grenze dauert die Fahrt länger als über die parallele Verbindung in Deutschland mit der wiederaufgebauten Karniner Brücke. Immerhin verkürzt sich dann auf der östlichen Strecke die Reisezeit zwischen Berlin und Stettin von derzeit zwei Stunden auf 90 Minuten.

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Die Arbeiten an der östlichen Strecke von Swinemünde über Stettin sollen noch in diesem Jahr beginnen und 2025/26 abgeschlossen sein. Ein 30 Kilometer langer Abschnitt vor der Grenze muss dafür für voraussichtlich 16 Monate gesperrt werden.

380 Millionen Euro vom Bund

Obwohl die Strecke, über die am Wochenende der Sonderzug fuhr, zu den europäischen Kernachsen zählt, mussten sich die Länder Berlin und Brandenburg mit jeweils 50 Millionen Euro an den Kosten beteiligen, um einen kompletten zweigleisigen Ausbau zu ermöglichen. Der Bund gibt 380 Millionen Euro hinzu.

Zudem mussten sich die Länder nach Angaben von Jürgen Murach, der die Fahrten des SPD Fachausschusses organisiert, verpflichten, mindestens insgesamt 48 Zugfahrten pro Tag zu bestellen – und zu bezahlen. Für das Befahren der Gleise kassiert die Deutsche Bahn Gebühren.

Obwohl die ersten Züge in vier oder fünf Jahren mit 120 km/h über die neuen Gleise rauschen könnten, gibt es dafür bisher keine Fahrzeuge. Sie müssen noch bestellt, gebaut und erprobt werden. Das Besondere: Die Züge müssen zwei Stromsysteme „vertragen“, da sie in Deutschland und Polen unterschiedlich sind. Hier wird die Zeit schon knapp.