• Impfungen in Arztpraxen freigegeben: Astrazeneca für alle in Berlin – aber nicht in Brandenburg

Impfungen in Arztpraxen freigegeben : Astrazeneca für alle in Berlin – aber nicht in Brandenburg

Mehrere Länder heben für Astrazeneca die Reihenfolge auf: Ab sofort kann sich auch jeder Berliner in Praxen damit impfen lassen. Daran gibt es auch Kritik.

Ingo Salmen
Auch unter 60 Jahren sollen Berlinerinnen und Berlin sich nun unabhängig von der Impfreihenfolge mit Astrazeneca impfen lassen können.
Auch unter 60 Jahren sollen Berlinerinnen und Berlin sich nun unabhängig von der Impfreihenfolge mit Astrazeneca impfen lassen...Foto: imago images/Westend61

Berlin gibt Astrazeneca für alle Interessenten frei: Der Impfstoff könne ab sofort in den Berliner Arztpraxen unabhängig von der Priorisierung nach der Impfverordnung des Bundes verimpft werden, teilte die Senatsgesundheitsverwaltung am Donnerstag mit.

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"Mit dieser Entscheidung werden wir der aktuellen epidemiologischen Lage gerecht, so wie es auch die Impfverordnung vorsieht", erklärte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). "In der aktuellen Infektionswelle kommt es darauf an, möglichst viele Menschen möglichst bald zu immunisieren – auch mit dem aufklärungsintensiven Astrazeneca-Impfstoff."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte erst kurz zuvor im Bundesrat in Aussicht gestellt, die festgelegte Impfreihenfolge ab Juni komplett aufheben zu können, weil dann genügend Impfstoff verfügbar sei und das Tempo durch Einbeziehung von Praxen auch erhöht werden könne. Sollte das früher möglich sein, sei ihm das ebenfalls recht. Indem es diesen Schritt für Astrazeneca-Impfungen schon ging, schloss sich das Land Berlin am Donnerstag Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern an, die ebenfalls dieses Mittel bereits für alle freigegeben hatten.

Generell gilt bisher: In Deutschland soll der Astrazeneca-Impfstoff wegen seltener Fälle von Blutgerinnseln seit Ende März in der Regel nur bei Menschen ab 60 Jahren zum Einsatz kommen. Diese Hirnvenen-Thrombosen waren vor allem bei jüngeren Frauen aufgetreten. Bei Menschen unter 60 Jahren ist jedoch nach Angaben der Gesundheitsministerien der Länder vor dem Spritzen eine ausführliche Beratung durch den Impfarzt notwendig.

Bereits seit Anfang April werde in Berlin bei der Erstimpfung Astrazeneca nur in Haus- und Facharztpraxen verimpft, erläuterte die Gesundheitsverwaltung weiter. Dabei sei die Zielgruppe bisher auf die Paragrafen 2 und 3 der Impfverordnung begrenzt gewesen und lediglich der Personenkreis der 60- bis 69-Jährigen schon mit einbezogen worden.

Arzte bitten um Geduld, SPD-Gesundheitsexperte kritisiert Senatorin

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin teilte am Donnerstag mit, die Aufhebung der Priorisierung für den Astrazeneca-Impfstoff sei zu begrüßen. Sie weise allerdings darauf hin, dass es in den Praxen bisher noch nicht ausreichend Impfstoff gebe. Die Ärztevereinigung rechnet mit einer erhöhten Zahl von Anfragen zu Astrazeneca. Der KV-Vorstand appelliere an alle Impfwilligen, sich einige Tage zu gedulden, bis auf der Website der KV eine Übersicht der Praxen veröffentlicht werde, die Astrazeneca nutzten und vorhandene Dosen noch nicht verplant hätten.

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Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus kritisierte seine Senatorin für die generelle Freigabe von Astrazeneca. Er lehne diesen Schritt ab, teilte Thomas Isenberg dem Tagesspiegel mit. Impfstoffe müssten nach medizinischem Bedarf und Risiko vergeben werden. „Jetzt droht ein Hauen und Stechen, bei dem der Stärkste beim Rennen um einen Impftermin sich durchsetzt“, warnte Isenberg. „Es darf nicht sein, dass derjenige, der die besten Kontakte oder die stärksten Ellbogen hat, am schnellsten einen Termin bekommt und andere nicht.“

Astrazeneca-Freigabe? Für Brandenburg „populistisch und unseriös“

Dass die Nachbarn Berlin und Brandenburg durchaus nicht immer gleich ticken, zeigte sich am Donnerstag auch bei der Astrazeneca-Freigabe für alle. Die Landesregierung in Potsdam lehnt diesen Schritt für sich ab. „Astrazeneca wurde in Brandenburg stets gut nachgefragt und wir haben alle aktuellen Bestände in die impfenden Arztpraxen gesteuert“, teilte der Sprecher des Innenministeriums, Martin Burmeister, mit. Dort könnten sich alle über 60-Jährigen damit impfen lassen, rund 6000 Erstimpfungen pro Tag mit diesem Impfstoff gebe es in den Hausarztpraxen. Für dieses Tempo reiche der Bestand.

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„Es wäre populistisch und unseriös, Astrazeneca darüber hinaus für alle freizugeben. Wir würden den Menschen damit eine Verfügbarkeit vorgaukeln, die es nicht gibt“, erläuterte Burmeister. Brandenburg werde Prioritätengruppen weiter in der Reihenfolge freigeben, in der sie von Corona-Infektionen bedroht seien.

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Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB) impfen 335 Hausarztpraxen im Modellprojekt bereits mit Astrazeneca, weitere 80 sollen die Möglichkeit erhalten, diesen Impfstoff über das Land zu beziehen. Die Aussage an die Ärzte sei nach wie vor, sich an die Priorisierung zu halten, sagte KVBB-Sprecher Christian Wehry. In Brandenburg halten sich nach Angaben der Kassenärzte Zuspruch und Ablehnung von Astrazeneca die Waage.

Impfzentren bleiben Anlaufstelle nach früheren Astrazeneca-Impfungen

Schon am Sonntag hatte die Berliner Gesundheitsverwaltung bekanntgegeben, wie mit jenen umgegangen wird, die zuvor schon Erstimpfungen mit Astrazeneca in den Impfzentren oder durch mobile Impfteams erhalten haben. Die Zweitimpfungen von über 60-Jährigen mit Astrazeneca werden ab der 18. Kalenderwoche im Mai an Nachmittagsterminen im Impfzentrum Tempelhof fortgesetzt.

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Unter 60-Jährige erhalten in den Impfzentren beim zweiten Mal einen mRNA-Impfstoff. Das betrifft etwa Krankenhauspersonal. Während es am Sonntag hieß, dafür werde das Biontech-Mittel eingesetzt, sprach die Gesundheitsverwaltung nun vom Moderna-Impfstoff. Der Abstand zwischen den Impfungen beträgt zwölf Wochen. (mit dpa)