Flugplatz Drewitz : Wie die Energiewende in die Lausitz kommen soll

Auf dem früheren Flugplatz Drewitz soll ein klimaneutrales Gewerbe- und Industriegebiet entstehen. Ein Rundgang mit dem Berliner Projektentwickler.

So soll das geplante Zentrum für Elektromobilität und Zukunftstechnologien einmal aussehen.
So soll das geplante Zentrum für Elektromobilität und Zukunftstechnologien einmal aussehen.Rendering: Euromovement

Etwas verloren stehen sie da, die beiden gelben BVG-Busse, mitten auf dem verwilderten Flugfeld. Doch Jochem Schöppler sieht sie als Vorboten der Energiewende in der strukturschwachen Lausitz. Mit seiner Firma Euromovement will der Berliner Unternehmer den ehemaligen Flugplatz Drewitz umbauen zu einem klimaneutralen Gewerbe- und Industriegebiet.

Auf einem etwa 209 Hektar großen Gelände nordöstlich von Cottbus, zwischen Tagebau und Kohlekraftwerk, soll ein Zentrum für Elektromobilität und Zukunftstechnologien entstehen: das „Green Areal Lausitz“. Dort könnte in Zukunft zum Beispiel die Berliner Tassima AG Busse für den öffentlichen Nahverkehr mit E-Motoren umrüsten.

„Die Braunkohle verabschiedet sich“, sagt Jochem Schöppler, das müsse man als Chance sehen. „Wir können eine Stärke daraus machen, wenn wir den Wandel aktiv umsetzen.“ Er sei überzeugt davon, dass ausgerechnet hier, mitten im Braunkohlerevier, ein Leuchtturm für Zukunftskonzepte entstehen könne. Aktuell werde ein „ganzheitliches Energiekonzept“ für den Standort entwickelt.

Der Entwickler Jochem Schöppler auf dem Flugplatz Drewitz. 
Der Entwickler Jochem Schöppler auf dem Flugplatz Drewitz. Foto:Christoph M. Kluge

Wenn es bebaut ist, soll das Areal seinen Strom selbst produzieren – aus Wind, Sonne und Wasserstoff. Die Dächer und Fassaden der Gebäude sollen begrünt und mit Fotovoltaikanlagen ausgestattet werden. Rohdaten-Grafiken zeigen, wie das kleine Utopia einmal aussehen soll.

Staatliche Fördermittel für den Strukturwandel

Auch eine Anbindung an den Bahnverkehr sei aktuell im Gespräch, sagt Jochem Schöppler. Das Gleis verläuft etwa einen Kilometer südlich. An der Haltestelle Jänschwalde-Süd hält die Regionalbahn. „Wenn man Klimaneutralität ernstnimmt, muss man auch über den Transport von Waren und Materialien nachdenken“, sagt Schöppler. Mindestens einmal in der Woche ist er dort, um zum Beispiel mit Anrainern und Versorgungsunternehmen zu verhandeln.

Die Gäste empfängt Schöppler im ehemaligen Bistro des Flughafenterminals, das zu einem Konferenzraum umgestaltet wurde. Für den Kauf des Grundstücks habe sein Unternehmen keine staatlichen Fördermittel erhalten. „Wir haben alles mit eigenem Geld bezahlt.“ Die Firmen, die sich hier ansiedeln möchten, können jedoch über die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) Mittel aus dem Fördertopf für den Strukturwandel beantragen.

Konkrete Gespräche über eine Ansiedelung führt Euromovement nach eigenen Angaben momentan mit fünf Unternehmen. Zu den Interessenten gehört laut Schöppler neben Tassima auch die kanadische Bergbaugesellschaft Rock Tech Lithium, die Rohstoffe für die Akkus von Elektroautos abbaut und veredelt. Außerdem verhandle man mit der Firma Energy 4 Future, einem Produzenten nachhaltiger Pflanzenkohle.

Durch ein aufwändiges Verfahren wird CO2, das Pflanzen zuvor aus der Luft aufgenommen haben, langfristig in Kohle gebunden. So entsteht ein Stoff, der in der Landwirtschaft und Industrie Verwendung findet. „Ein hochgradig innovatives Unternehmen, sagt Schöppler begeistert. Momentan wird die Lausitz jedoch noch von der Braunkohle dominiert.

Kraftwerk Jänschwalde geht 2024 vom Netz

Mächtige weiße Dampfschwaden steigen aus den Kühltürmen des nahe gelegenen Kraftwerks Jänschwalde auf. Das Mitte der 1970er Jahre errichtete Braunkohlekraftwerk Jänschwalde versorgt die Städte Cottbus und Peitz mit Energie und Wärme. Verbrannt wird dort vor allem die Kohle aus dem nahegelegenen Tagebau, der das Gebiet nahe der polnischen Grenze in eine Mondlandschaft verwandelt hat. Doch der Kohleausstieg kommt.

Auf dem ehemaligen Flugplatz sollen in Zukunft Busse mit Elektromotoren ausgestattet werden.
Auf dem ehemaligen Flugplatz sollen in Zukunft Busse mit Elektromotoren ausgestattet werden.Foto: Christoph M. Kluge

2028 soll der letzte Kraftwerksblock vom Netz gehen, der Tagebau läuft schon 2023 aus. Der Stromerzeuger LEAG ist aber immer noch der wichtigste Arbeitgeber der Niederlausitz. Da wundert es nicht, dass viele Niederlausitzer eher schwarz sehen für die Zukunft ihrer Region. Die musste nach der Wende bereits den Niedergang ihrer einst stolzen Textilindustrie erleben. Es gab eine massive Abwanderung, gerade die Jungen zogen weg.

Elvira Hölzner ist dennoch vorsichtig optimistisch. Die Amtsdirektorin der Gemeinde Peitz, zu der sowohl Jänschwalde als auch Drewitz gehören, unterstützt die Pläne für das Green Areal Lausitz. Ein nachhaltiges Industrie- und Gewerbegebiet sei „genau der richtige Entwicklungsschritt zurzeit.

Lieber wäre es ihr gewesen, wenn in Drewitz wieder Flugzeuge starteten und landeten. Doch das sei nicht möglich gewesen. Mehrere Investoren und Interessenten hätten versucht, den Flugbetrieb aufrecht zu erhalten, seien dabei jedoch gescheitert.

Flieger, grüß mir die Sonne!

Der Flugplatz war Anfang der 1930er Jahre angelegt worden. Im Zweiten Weltkrieg nutzte ihn die deutsche Luftwaffe, in der Nachkriegszeit zunächst die sowjetische Armee. Später waren dort die Mig-Düsenjäger eines Jagdfliegergeschwaders der DDR-Luftstreitkräfte stationiert. Für die Soldaten wurde südlich des Flugplatzes eine Wohnsiedlung gebaut. Anfang der 1990er Jahre verschwand das Militär, zivile Sportflieger übernahmen den Flugplatz.

Tower und Terminal des Flugplatzes Drewitz wurden vor etwa 20 Jahren errichtet.
Tower und Terminal des Flugplatzes Drewitz wurden vor etwa 20 Jahren errichtet.Foto: Christoph M. Kluge

2000 wurde ein neuer Tower errichtet, bald darauf ein modernes Terminal. Doch 2015 musste die Betonpiste aufgrund massiver Schäden gesperrt werden. Der Betreiber ging in Insolvenz. 

„Die Kosten für die Erneuerung der Landebahn wäre durch die Eigentümer nicht stemmbar gewesen“, sagt Hölzner. Zeitweise war Drewitz als Ausweichflughafen für den BER im Gespräch. Doch Ende 2019 hat die Landesregierung diese Pläne endgültig verworfen. Kurz danach kaufte Euromovement das Areal.

Der Projektentwickler Schöppler wünscht sich eine Grundsteinlegung im Herbst. Doch Hölzner betont: „Alles muss ordnungsgemäß sein.“ Im Dezember hat die Gemeinde den Bebauungsplan für das Areal beschlossen. Wie bei anderen Entwicklungsprojekten auch, spielt der Naturschutz eine Rolle. Für neu bebaute Flächen muss Ausgleich durch Naturflächen geschaffen werden. Dennoch sei eine Grundsteinlegung im Herbst möglich.

„Die Projektentwickler haben eine klare Vision“

Auch Marcus Tolle, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus, glaubt an den Erfolg. „Die Projektentwickler haben eine klare Vision“, sagt er. Das wirke anziehend auf Unternehmen. Wer heute einen neuen Standort suche, habe eine große Auswahl. „Gewerbegebiete gibt es wie Sand am Meer“. Doch durch das ungewöhnlich konsequente Nachhaltigkeitskonzept könne sich der Standort Drewitz vom Wettbewerb absetzen.

Für Unternehmen, die eine umweltbewusste Zielgruppe ansprechen, sei eine klimaneutrale Produktion ein Vorteil, den sie im Marketing nutzen können. Doch wenn es um den Strukturwandel in der Region insgesamt geht, solle man die Erwartungen nicht zu hoch hängen. 

Die Aufgabe der Landespolitik sei es, zeitnah die notwenigen Bedingungen schaffen. Das bedeute zum Beispiel Infrastrukturmaßnahmen, etwa den Ausbau von Verkehrsanbindungen oder des 5G-Mobilfunknetzes.

Es müsse darum gehen, zukunftsfähige Schlüsselindustrien in die Region zu holen, sagt Tolle. Ein einziger Produktionsstandort eines großen Unternehmens könne eine Sogwirkung entwickeln und Zulieferer und Dienstleister nachziehen. Das beeinflusse die Wertschöpfungsketten in der Region nachhaltig und positiv. Doch um diesen Effekt zu erzielen, müsse die Landespolitik mehr auf die Unternehmen zugehen, sagt er.