Überregionales : In schlechter Verfassung

Die Islamisten in Ägypten hatten auf einen klaren Sieg gehofft – doch ihr Rückhalt in der Bevölkerung scheint recht gering zu sein

Martin Gehlen
Ausgezählt ist. Rund 25 Millionen Ägypter waren am Samstag zur Abstimmung über die neue Verfassung aufgerufen. Doch nur jeder dritte von ihnen beteiligte sich. Die Pläne von Präsident Mursi und seinen Muslimbrüdern sind hoch umstritten.
Ausgezählt ist. Rund 25 Millionen Ägypter waren am Samstag zur Abstimmung über die neue Verfassung aufgerufen. Doch nur jeder...Foto: Mahmoud Khaled/AFP

Sein Fazit twitterte der Friedensnobelpreisträger am Sonntagmittag: „Land gespalten, dreiste Manipulationen, geringe Wahlbeteiligung, Ernüchterung über Islamisten, Analphabetentum bleibt eine Hürde“, kommentierte Mohammed al Baradei die erste Runde des ägyptischen Verfassungsreferendums. 25 Millionen Menschen waren aufgerufen, lediglich ein Drittel von ihnen hatte sich tags zuvor vor den Wahllokalen angestellt. Am Ende stimmten nach einer ersten inoffiziellen Bilanz 56,5 Prozent für die umstrittene Verfassung, 43,5 Prozent votierten dagegen – alles weit entfernt von dem glänzenden Sieg, auf den die Islamisten gehofft hatten. Am spektakulärsten war die Ablehnung in Kairo, wo knapp 57 Prozent der Wähler mit Nein stimmten. Für Alexandria reklamierten die Muslimbrüder eine Zustimmung von 55,5 Prozent. Die Volksbewegung von Ex-Präsidentschaftskandidat Hamdeen Sabahi dagegen meldete 72 Prozent Neinstimmen. Die Opposition beklagt, die Wahl sei „gezeichnet durch weitverbreitete Unregelmäßigkeiten, Manipulationen und Wahlverstöße“. Internationale Wahlbeobachter waren nicht vor Ort.

So war es also auch im Kairoer Stadtteil Sayyida Zeinab, wo viele einfache Leute wohnen, die meisten fromme Muslime. Aus vielen Läden dröhnen dort Fernseher mit Korangesängen, Händler bieten billiges Plastikzeug feil, jetzt im Winter auch synthetische Wolldecken in schrillen Farbmustern. Vor einer Metzgerei am Straßenrand warten zwei Kamele, eine Kuh und drei Dutzend Schafe auf ihren Schlachter. Und mitten im Gewühl aus Gassen und Menschen thront die alte Moschee, jedes Jahr am Geburtstag des Propheten Mohammed Zentrum eines rauschenden Heiligenfestes mit Gauklern, Feuerschluckern und Sufitänzern. Selbst hier war die Abstimmung über die Verfassung alles andere als ein Triumphzug für Präsident Mursi und seine Muslimbrüder. Schon seit den frühen Morgenstunden bildeten sich vor der Bahaia-Schule am Bur-Said-Boulevard lange Schlangen, rechts die Männer, links die Frauen. Und auch hier waren die Meinungen geteilt wie im ganzen Land. Viele wollten mit Ja stimmen, die Zahl der Neinsager jedoch war ebenfalls beträchtlich. Eine ist Heba Youssrey, die Verwaltungswissenschaften studiert hat und seitdem arbeitslos ist. Werde diese Verfassung verabschiedet, gebe es noch mehr Unruhe, meint sie. Besser wäre es, noch einmal zu beginnen und alles sauber durchzuziehen. Suada Abdel Gawad, eine resolute Erscheinung mit kariertem Jackett, sah es genau andersherum. „Wir müssen endlich zu unserem Rhythmus zurückfinden, als Nation und jeder für sich“, sagte sie. Darum votierte sie mit Ja, genauso wie die voll verschleierte Hoda Mustafa, die zusammen mit Tochter Fatma gekommen war. Ihr Mann wurde unter Hosni Mubarak verhaftet und ins Gefängnis geworfen. „Wir haben lange Zeit in Angst und Schrecken gelebt.“ Das werde künftig nicht mehr möglich sein – dank der neuen Verfassung.

Derweil campieren auf dem Tahrir-Platz die Verfassungsgegner weiter. Seit den ersten Ergebnissen hat sich die Stimmung in den Zelten aufgehellt. „Wir haben gezeigt, dass wir sehr viele sind“, sagt Georgeus Basily, ein koptischer Christ, der mit Nein gestimmt hat. Examen hat er in landwirtschaftlicher Genetik gemacht, seit Jahren schlägt er sich als Kassierer an Tankstellen und Supermärkten durch. Sein Zeltnachbar Abdel al Rafah trägt einen dichten weißen Bart plus Häkelkappe und könnte ohne Weiteres als Salafist durchgehen – wären da nicht seine Ansichten und der silberne Ring mit einem Rubin an seinem Finger. „Die Muslimbrüder haben Koran und Islam für sich okkupiert“, schimpft der 57-Jährige, der einem Sufiorden angehört und das Referendum boykottiert. „In 24 Stunden das Grundgesetz eines Landes durchzupauken, das macht man einfach nicht.“

So wird das Verfassungsdrama Ägypten auch weiterhin in Atem halten. Nächste Woche stimmen die anderen 25 Millionen Wahlberechtigten ab. Und egal wie das Resultat am Ende aussieht, kommentiert Issandr al Amrani vom European Council on Foreign Relations, Hauptergebnis werde sein ein „fortdauernder Schaden für die Zivilisiertheit der ägyptischen Politik“.

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