• In 30 Jahren doppelt so viele Muslime in Deutschland? US-Studie erwartet elf Prozent im Jahr 2050

Überregionales : In 30 Jahren doppelt so viele Muslime in Deutschland? US-Studie erwartet elf Prozent im Jahr 2050

Experten warnen vor Islamhassern und Islamisten

Andrea Dernbach

Berlin - Der Anteil der Muslime in Deutschland dürfte sich nach einer Studie bis 2050 auf elf Prozent annähernd verdoppeln, wenn sich die Migration nach Deutschland in einem mittleren Tempo fortsetzen sollte. Das geht aus einer Untersuchung des Washingtoner Pew-Forschungsinstituts hervor. Die Forscher hatten für diese Projektion angenommen, dass keine Flüchtlinge mehr nach Deutschland kommen, die Zuwanderung von Studenten, Arbeitsmigranten und Familienangehörigen aber in etwa bleibt wie bisher.

Bei einer Null-Migration läge der Anteil der Muslime im Jahr 2050 bei neun Prozent. Sollte die Zuwanderung auf dem Niveau der Jahre 2014 bis 2016 bleiben, wären es 20 Prozent. Die Zahl steigt auch, weil die muslimische Bevölkerung jünger ist. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 31 Jahren, unter Nicht-Muslimen bei 47 Jahren. Zudem ist ihre Geburtenrate höher, in Deutschland allerdings weniger deutlich. Hier schätzt Pew sie zwischen 2015 und 2020 bei 1,9 Kindern gegenüber 1,4 Kindern von Nicht-Musliminnen. In Großbritannien liegt der Wert bei 2,9 zu 1,8. Veränderungen durch einen Wechsel der Religion spielen laut Studie nur eine untergeordnete Rolle.

Das Pew-Institut hat für seine Studie Daten aus den EU-Staaten, Norwegen und der Schweiz ausgewertet. In Frankreich leben mehr Muslime (rund 5,7 Millionen) als in jedem anderen europäischen Land. Das sind 8,8 Prozent der Bevölkerung. Für Schweden schätzt das Institut den Anteil auf 8,1, für Großbritannien auf 6,3 Prozent. In Polen sind dagegen weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung Muslime. Eine weitere Untersuchung des Pew-Instituts hatte dieses Jahr gezeigt, dass die meisten Menschen in Deutschland die Ankunft einer größeren Zahl von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak nicht als „ernste Bedrohung“ wahrnehmen. Wesentlich größer waren die Bedenken in Griechenland, Italien, Ungarn und Polen.

Riem Spielhaus, Islamwissenschaftlerin an der Universität Göttingen und Spezialistin für den deutschen Islam, sprach im Gespräch mit dem Tagesspiegel von einem „Weckruf“, den die Studie aussende: „Wir müssen dringend etwas tun für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Wenn wir jetzt Nationalisten, Identitären und Islamhassern sowie Spaltern auf muslimischer Seite nicht klar entgegentreten, häufen wir tatsächlich sozialen Sprengstoff an und bereiten Radikalisierung den Boden.“

Spielhaus kritisierte allerdings einige Ansätze der Studie: So sei die 20-Prozent-Prognose heikel, weil sie eine Fortsetzung der Migration wie 2015 voraussetze. „Das ist aber nicht der Fall“, gerade Deutschland und Schweden hätten ihre Politik drastisch geändert. Bemerkenswert sei auch der ausschließliche Blick auf Muslime. Sie verwies auf eine Pew-Studie vor fünf Jahren, nach der die Hälfte (49 Prozent) aller Migranten weltweit Christen sind. Muslime folgen mit deutlichem Abstand (27 Prozent). Es liege dennoch „auf der Hand, dass die Zahl der Muslime in Deutschland wachsen wird“, sagte Spielhaus. „Es war daher eine richtige Entscheidung, islamische Theologie an den Universitäten zu etablieren und islamischen Religionsunterricht einzuführen. In Zukunft werden wir mehr Seelsorger, Friedhöfe, islamische Wohlfahrtseinrichtungen und Krankenhäuser brauchen.“

Studien der Bertelsmann-Stiftung und des Bundesfamilienministeriums von diesem Jahr zufolge passen sich Werte, Rollenbilder, Bildungsabschlüsse von Einwanderern insgesamt rasch denen ihres Aufnahmelands an. So erreichte etwa schon in einer Generation die Kinderzahl pro Frau das deutsche Durchschnittsniveau. Die Erwerbsbeteiligung von Muslimen ist demnach in Deutschland aktuell auf dem Niveau der Nichtmuslime.

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