Überregionales : Großangriff gegen den IS

Die letzte Hochburg der Islamisten in Syrien soll fallen – Kurden und die US-geführte Koalition stehen vor Rakka im Norden

Christian Böhme Hannes Heine

Berlin - Die womöglich entscheidende Großoffensive gegen den „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien hat begonnen. Eine von Kurden dominierte Koalition der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) greift nach eigenen Angaben seit Dienstag die letzte IS-Bastion Rakka im Norden des Landes an. Mithilfe der US-Luftwaffe und amerikanischer Spezialkräfte soll die Stadt von den Extremisten befreit werden. Nachdem die Dschihadisten zuletzt die Kontrolle über viele Viertel der irakischen Großstadt Mossul verloren haben, würde der Verlust von Rakka das militärische Ende des selbst ernannten Kalifats bedeuten. Dieses hatte IS-Chef Abu Bakr al Baghdadi vor fast genau zwei Jahren ausgerufen. Die Kommandeure der SDF rechnen mit massivem Widerstand der Islamisten, sie sollen Sprengfallen gelegt und ganze Viertel überflutet haben. Die Terrormiliz konnte sich auf die angekündigte Militäroperation gut vorbereiten. Deshalb rechnet die Anti-IS-Allianz mit „langen und schwierigen“ Kämpfen.

Rakka liegt im fruchtbaren Euphrat- Tal. Im Syrienkrieg war die Stadt schon 2013 an damals vom Westen geduldete Islamisten gefallen, bis diese 2014 von IS-Angreifern überrannt wurde. Zuletzt galt Rakka als inoffizielle Hauptstadt des IS. In den vergangenen zwei Jahren haben die Dschihadisten in der Umgebung von Rakka allerdings einige Gebiete verloren, die sogenannten Volksverteidigungseinheiten (YPG) der linken Kurdenpartei PYD befreiten Städte wie Tel Abyad. Rakka selbst wird seit Langem regelmäßig von syrischen, amerikanischen und russischen Kampfjets bombardiert. Nach UNAngaben flohen rund 200 000 der schätzungsweise 300 000 Einwohner aus den Orten rund um Rakka vor den Kämpfen.

Unter der Herrschaft der „Gotteskrieger“ müssen sich Frauen komplett verschleiern. Angebliche Ehebrecherinnen werden gesteinigt, mutmaßliche Homosexuelle zur Abschreckung von Hausdächern gestoßen. Es gibt Enthauptungen, religiös Abtrünnige sollen versklavt worden sein. Nun sollen die arabisch-muslimischen, kurdisch-säkularen und assyrisch-christlichen Truppen der SDF die Stadt von den radikalen Islamisten befreien. Salih Muslim, Ko-Chef der Kurdenpartei PYD, sagte dieser Zeitung kurz vor dem Sturm auf Rakka: „Diese breite Koalition, wie sie sich in den SDF geformt hat, könnte die Zukunft Syriens sein. Und wir Kurden können dazu beitragen, dass die Region langfristig zusammenwächst. Wir haben in vier Ländern unsere Heimat. In den SDF arbeiten wir mit Arabern, Turkmenen, Assyrern und anderen Minderheiten zusammen.“ Der syrische Staatschef Baschar al Assad spiele im Kampf um Rakka keine Rolle. Die Türkei dagegen will erklärtermaßen bei der Erstürmung ein gewichtiges Wort mitreden. Und sie warnt vor den YPG und der PYD: Ankara sieht in ihnen Schwesterverbände der verbotenen kurdisch-türkischen PKK. Wer Rakka am Ende kontrollieren wird, ist deshalb offen.

Das gilt auch für das mehrheitlich sunnitische Mossul, die letzte IS-Hochburg im Irak. Dort versuchen Einheiten unter der Führung Bagdads mit schiitischen Milizen seit Monaten, die Großstadt vom IS zurückzuerobern. Experten rechnen mit einer baldigen Niederlage der Islamisten. Das würde zwar das Ende des „Kalifats“ bedeuten, aber nach Überzeugung von Experten keineswegs das Ende des Terrors des „Islamischen Staats“. (mit AFP)

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