Überregionales : Grausame Lady Einsamkeit

„Die Spielwütigen“ brachten ihr Stück „Nachtschicht“ im „Hotel am Großen Waisenhaus“ zur Premiere

Gerold Paul
Warum habe ich vor allem Angst? Eine der vielen Fragen, der „Die Spielwütigen“ in ihrem Stück „Nachtschicht“ nachgehen.
Warum habe ich vor allem Angst? Eine der vielen Fragen, der „Die Spielwütigen“ in ihrem Stück „Nachtschicht“ nachgehen.Foto: promo

Potsdams Großes Waisenhaus weiß sich zwar nicht erst seit gestern in der caritativen Pflicht, trotzdem ist heute immer auch heute, und das heißt dann auch, heute zu helfen. Junge Leute ohne Ausbildungsplatz zum Beispiel können das seit einem Jahr im gegenüberliegenden „Hotel am Großen Waisenhaus“ tun. Hier fand auch die vom T-Werk her bekannte Jugendtheatergruppe „Die Spielwütigen“ Unterschlupf und Betreuung. Aus naheliegenden Gründen feierte am Donnerstag das neueste Stück dieser alerten Truppe gerade hier seine Premiere.

Es entstand aus einem Improvisationsthema, heißt „Nachtschicht“ und spielt in der Suite eines Hotels, wo Azubine Daphine (Susi Laser) von 23 bis 7 Uhr Dienst tut. Sie ist zwar ein bisschen plüschig, aber in Sachen Arbeit äußerst korrekt. Fast wenigstens, denn heimlich holt sie sich Rat von Tara (Jördis Borak) auf dem magischen TV-Kanal. Von den hohen Telefonrechnungen hat ihre Kollegin Rebecca (Marie Debus, viel zu schrill) längst Wind bekommen. Wird sie die verunsicherte Daphine beim Chef verpetzen? Aber diese Nacht ist sowieso völlig anders.

Zuerst kommt Heulsuse Anne-Patrizia (Dominique Bergemann) von Gegenüber in die Hotel-Lobby, weil sie von der Untreue ihres Freundes geträumt hat, dann auch noch die polizeilich gesuchte Schlafwandlerin „Luna“. Sie alle haben ein Problem mit sich selbst, und 100 Fragen nach draußen: Hat mein Leben einen Sinn? Werden sich meine Eltern scheiden lassen? Warum habe ich vor allem Angst? Soll ich mein Leben verändern – und wenn ja, wie?

Anders als andere Jugendtheater hat die Truppe um Yasmina Ouakidi es unterlassen, einen „auf Psycho“ zu machen. Als Farce bringt das nicht ganz fertig gewordene Stück sein Thema „schlaflose Nächte – ungelöste Lebensgedanken“ ja auch viel besser herüber, zumal sich der Fernseher im Hintergrund zunehmend als kaum zu bändigender Protagonist erweist: Aus ihm heraus keift Tara die immer unsicherer werdende Daphine an, auf die Nutella-verliebte Anne-Patrizia redet dergestalt plötzlich ihr „intellektuelles Bewusstsein“ ein. Auch Michel Wagenschütz bringt sich als Nachrichtensprecher und „Hahn im Korbe“ TV-gerecht in Positur. Ganz schön verrückt!

Ein stilisierter Hoteltresen sowie rechts und links eine Tür geben das Bühnenbild in der Lindenstraße. Worum geht es in diesen meist folgenlos bleibenden Szenen? Jede Figur hat ihr eigenes Problem. Luna (Lisa Richter) zum Beispiel möchte gern die Freundin von Anne-Patrizia sein, diese aber hat mit ihrem Traum vom ungetreuen Freund, letztlich mit sich selber zu tun, Rebecca flippt völlig aus, weil irgendein Kerl sie auf der Disco „guter Mensch“ genannt hat. Kurz, allerorten ist die grausame Lady Einsamkeit unterwegs. Es geht um Verunsicherungen, um Werte. Wie das Leben gestalten, was aus seinem Lebensfilm „wegen Patzens“ rausschneiden? Nichts, um Gottes Willen!

Yasmina Ouakidi (Text und Regie) hat die jungen Leute bei dieser Suche begleitet. Allerdings ist da im Szenischen, also bei der Gestaltung von Vorgängen und Haltungen, noch „viel Luft“. Spiel- und Experimentierfreude sind da, überreich. Temperament, Spannung. Aber müssen sich die Darstellerinnen denn derartig anbrüllen? Wenn „das innere Thema“ einer jeden Figur zu Ende gedacht und gebracht wird, dann kommt dieses sehenswerte Stück auch ganz schnell und wie von selbst auf den Punkt.

Nächste Vorstellungen am heutigen Samstag und morgigen Sonntag, dem 26. Februar, jeweils 20 Uhr, im Großen Waisenhaus in der Lindenstraße 28/29