Überregionales : Golze in Medikamentenskandal unter Druck

Brandenburgs Gesundheitsministerin muss Fehler im Umgang mit illegalem Pharmahandel einräumen und ruft Krebsarznei zurück

Potsdam - Im Skandal um offenbar gestohlene, teils unwirksame Krebsmedikamente für die Chemotherapie gerät Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) massiv unter Druck. Es könne nicht ausgeschlossenen werden, dass Patienten Medikamente verabreicht wurden, die in ihrer Wirksamkeit herabgesetzt sind, räumte Golze am Mittwoch ein. Die hochsensible Arznei soll wie berichtet in Griechenland gestohlen und über den Zwischenhändler Lunapharm in Mahlow (Teltow-Fläming) vor allem in Deutschland, aber auch den Niederlanden in Umlauf gekommen sein.

Erst am Dienstagabend ordnete das Ministerium laut Golze den Rückruf der Medikamente an – eineinhalb Jahre nachdem es erste Hinweise auf illegale Machenschaften von Pharmahändlern gab und die Medikamente mutmaßlich bereits verbraucht wurden. Ausgeliefert wurden rund 700 Packungen. Der Firma, die die Vorwürfe bestreitet, wurde bis heute nicht die Betriebserlaubnis entzogen.

Hinweise auf möglicherweise kriminelle Geschäfte wurden, wie Golze am Mittwoch einräumte, im zuständigen Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG), das dem Ministerium untersteht, ignoriert und nicht an die Hausspitze weitergeleitet – ob aus Schlamperei oder Absicht, ist unklar. Grüne und CDU im Landtag wollen für kommende Woche eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses einberufen.

Das Landesamt war seit Ende 2016 mit dem Vorgang befasst, nachdem in Polen größere Mengen der aus Brandenburg gelieferten Medikamente gefunden worden waren. Geprüft wurden in Potsdam aber nur die Vertriebswege. Dass die Medikamente möglicherweise gestohlen wurden, habe man bis zum einem Beitrag des rbb-Magazins „Kontraste“ vor einer Woche nicht gewusst. Der zuständige Abteilungsleiter im Ministerium, Thomas Barta, hatte einen Tag später vor Pressevertretern erklärt, dass er sich über eine Information der Staatsanwaltschaft gefreut hätte – die seit April 2017 wegen Hehlerei gegen die Firma ermittelt.

Bereits am 5. April 2017 sei dem LAVG mitgeteilt worden, dass gegen das Unternehmen ermittelt werde, sagte Sprecherin Sarah Kress-Beuting am Mittwoch auf PNN-Anfrage. In den Akten des Landesamtes ist dieser Hinweis laut Ministerin Golze nicht vermerkt. Ebenfalls nicht dokumentiert: Bereits im März 2017 hat das LAVG ein Amtshilfeersuchen des Landeskriminalamts erreicht. Anlass war eine anonyme Anzeige, wonach gestohlene und gefälschte Medikamente über eine griechische Apotheke importiert worden sein sollen. In der Amtsakte befinde sich hierzu nur ein Vermerk, aber keine Kopie des LKA-Schreibens. Dass Informationen unterschlagen wurden, könne sie nicht ausschließen, sagte Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt.

Besonders verunsichernd für die Patienten: Am Freitag hatte Abteilungsleiter Barta noch erklärt, dass keine Gefahr für die Gesundheit der Patienten bestanden habe. Medikamentenproben aus der Firma Lunapharm, die im Landeslabor untersucht wurden, hätten ergeben, dass die Medikamente voll wirksam seien. Tatsächlich wurden, wie das Ministerium nun einräumte, aber nur – nach Ankündigung – Medikamente in Pulverform getestet. Nicht untersucht wurde hochsensible flüssige Arznei, die gekühlt werden muss. Laut „Kontraste“ ist die Kühlung nicht erfolgt, was die Wirksamkeit beeinträchtige. Das Landeslabor könne solche Medikamente gar nicht prüfen, hieß es nun. „Wir können heute nicht genau sagen, ob die Medikamente gesundheitsgefährdend waren oder nicht“, so Staatssekretärin Hartwig-Tiedt.