Gewalt an Frauen : Das alltägliche Verbrechen

Friederike Sandow Friedhard Teuffel

Es wäre schon viel gewonnen, wenn Frauen über ihre Erfahrungen mit Gewalt angstfrei reden könnten. Ohne Angst vor ihrem Partner, vor sozialem, beruflichem Abstieg. Das könnte eine Botschaft sein an einem Tag, der den Betroffenen von Gewalt gewidmet ist. Dieser Samstag ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Die Botschaft gilt weltweit, weil diese Gewalt weltweit grassiert. Sie wird für die Öffentlichkeit manchmal in Einzelschicksalen sichtbar, meist nur in großen, erschütternden Zahlen. Diese Gewalt findet oft in nächster Nähe statt. In Deutschland haben im vergangenen Jahr 133 000 Menschen Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner erfahren – Verbrechen, die der Polizei gemeldet wurden. Mord und Totschlag, Vergewaltigung, Körperverletzung, Stalking und andere Bedrohungen. Von den Betroffenen sind 82 Prozent Frauen, jede zweite lebte mit dem Täter in einem Haushalt.

Seit 2012 steigen die Betroffenenzahlen an, zuletzt um 4,4 Prozent und selbst wenn zu hoffen ist, dass dieser Anstieg vielleicht auch am gewachsenen Mut liegt, solche Vergehen auch anzuzeigen – eine Dunkelziffer wird bleiben. Wenn Frauen Hilfe brauchen, muss sie sofort da sein. Das macht etwa die Frauenhäuser so wichtig, die Frauen und manchmal auch ihren Kindern Schutz bieten. Selbst wenn diese Häuser die bittere Wahrheit mit sich bringen, dass gerade die Betroffenen ihre eigene Wohnung verlassen müssen, weil sie dort vor den Tätern nicht mehr sicher sind. Eine andere Maßnahme ist das Hilfetelefon für Frauen gegen Gewalt, das in Deutschland in 17 Sprachen Unterstützung bietet – 61 000 Betroffene haben das zwischen 2013 und 2016 genutzt.

Den Mut der Frauen, eigene Erfahrungen von Gewalt nicht mehr still zu ertragen, hat offenbar auch die Debatte #MeToo wachsen lassen. Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen hat mitgeteilt, dass sich seit Beginn der Debatte deutlich mehr Frauen gemeldet hätten. Um wirklich weiterzukommen, darf es jedoch nicht nur Hilfe für Betroffene geben. Über Gewalt gegen Frauen kann man nicht reden, ohne gesellschaftliche Ungleichgewichte zu benennen. Denn es sind gleiche Möglichkeiten für Frauen im Berufsleben, die ihre Unabhängigkeit stärken, die Unabhängigkeit auch von potenziellen oder tatsächlichen Peinigern.

Dieser Tag gegen Gewalt an Frauen verlangt nach mehreren Perspektiven. Nach einem Blick ins eigene Land wie nach dem in andere Länder. Dieser Blick fällt auf Verschleppungen, Versklavungen, Zwangsprostitution, Beschneidung, Sextourismus und andere Formen von Gewalt. In den vergangenen Jahren haben viele Organisationen die Rechte und die Förderung von Mädchen und Frauen zu ihrem Anliegen gemacht, zunächst aus ganz humanitären Gründen. Aber oft auch mit dem entwicklungspolitischen Bewusstsein, dass es die Frauen sind, die Gesellschaften weiterbringen, sei es in der Wirtschaft, im Umweltschutz, der Aidsprävention oder anderen Bereichen. Daraus sind großartige Bildungsprogramme entstanden oder Fonds für die Vergabe von Mikrokrediten.

Eine andere Perspektive lautet: Eine Gesellschaft wird stärker, wenn Männer souveräner werden. Gewalt, vor allem auch sexuelle Gewalt, ist plumpester Machtmissbrauch. Das spricht zum Beispiel für ein Aufbrechen von Hierarchien, die Abhängigkeiten begünstigen. Den Anlass für diesen Tag können Männer und Frauen ohnehin nur gemeinsam bekämpfen.

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