Fußball-WM : Ein kleiner großer Sieg

Claus Vetter

Es war diese ungeheure Kraft, diese mitreißende Wucht, die der Sport in seinen dramatischen Phasen entfachen kann. Dieses Anrucken in einer fast ausweglosen Situation, dieser nimmermüde Kampf. Nachspielzeit. Freistoß. Tor. Toni Kroos. Mit nur zehn statt elf Mann, weil Jérôme Boateng in Sotschi des Feldes verwiesen worden war. Die deutsche Nationalmannschaft hat bei der Weltmeisterschaft in der Nachspielzeit am Sonnabend mit dem 2:1 gegen Schweden das drohende Turnier-Aus verhindert. Weil diese Mannschaft unbedingt gewinnen wollte. Und daher war es ein Erfolg, aus dem sich lernen lässt. Nicht nur für das deutsche Team und für den weiteren Turnierverlauf in Russland, sondern auch in der Heimat der Mannschaft, in der die gute Stimmung in ihrer größten Krise seit Jahren ist.

Angeschlagen nach der Niederlage gegen Mexiko zum WM-Auftakt ging die deutsche Fußballmannschaft in das Spiel, angezählt in der Heimat von vielen Kritikern. Toni Kroos hat nach seinem Tor gegen Schweden gesagt, ihm sei klar, dass viele Menschen in Deutschland sich eine Niederlage der Mannschaft gewünscht hätten. Es lässt sich angesichts kritischer Expertenkommentare vermuten und am ganz rechten Rand feststellen. Hass bis hin zu rassistischen Beleidigungen gegen Spieler aus diesem Team gibt es in sozialen Netzwerken zuhauf. Natürlich gibt es auch die WM-Verdrossenheit angesichts kaum durchschaubarer Machenschaften des Fußballweltverbandes. Aktuell findet die WM in Russland statt, in vier Jahren dann in Katar, mal sehen, wohin die Fifa den Fußball noch verschachert. Und es gibt auch die, die von medialer Fußballüberfrachtung genug haben und sich nicht mehr interessieren wollen. Das Fußball-Nationalteam ist kein gemeinsamer Nenner für alle Menschen in einem Land, in der sich auch neun Monate nach den Wahlen eine neue Regierung noch nicht einig darüber wird, wie denn nun regiert werden soll.

Das Fußballteam spiegelt mit seinen schwankenden Leistungen und mitunter auch Worten und Taten abseits des Platzes die deutsche Wirklichkeit wider. Die Kroos-Kritik war Gesellschaftskritik. Spätestens seitdem die beiden deutschen Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan vor dem Turnier in Russland mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert haben, ist das Bild der Mannschaft ohnehin zerrissen.

In Berlin-Neukölln etwa wird es nicht wenige Deutsche (das sind Menschen mit deutschem Pass) geben, für die Erdogan wichtiger ist als Angela Merkel. Gündogan und Özil sind ein Teil deutscher Realität. In der Nationalmannschaft spielen eben nicht geklonte Vorbilder für eine heile Welt, sondern Menschen aus dem realen Deutschland. Und die finden mitunter auch politische Despoten gut. Insofern waren die Pfiffe gegen Gündogan in der Vorbereitung auch Pfiffe gegen die deutsche Wirklichkeit.

Der Fußball kann der Politisierung nicht entgehen. Das wurde in diesen Tagen bei der Fußball-WM deutlich, zum Beispiel, als zwei Schweizer Spieler kosovarischer Herkunft gegen Serbien beim Torjubel die Hände übereinanderlegten – zum Doppeladler, dem Wappentier der Albaner. Im Positiven kann der Sport der Politik aber auch ein Vorbild sein. Der deutsche Sieg am Sonnabend war ein wichtiger Sieg für die Fußball-Nationalmannschaft, aber eben auch ein kleiner großer Sieg für die gute Laune im Lande.