Überregionales : Fair ist schwer

Sie hätte den Treffer locker machen können. Die gegnerische Torfrau lag verletzt am Boden. Aber die Handballerin Wiebke Kethorn hat nicht geworfen – und bekam dafür einen Preis. Sie ist eine Ausnahme. Cleverness gewinnt, Fairness verliert. Geld und Erfolgsdruck verändern den Sport. Und nicht nur den

Friedhard Teuffel
Die Verweigerin.Alle Bilder anzeigen
27.12.2013 20:05Die Verweigerin.

Der Ball springt auf sie zu, das Tor ist leer. Ein Geschenk, das man annehmen muss, denn darum geht es doch im Handball, Tore zu erzielen. Aber die Torfrau liegt vor ihr am Boden, gerade von einem Ball im Gesicht getroffen. Ein Tor ohne Gegnerin zählt genauso viel – ist es auch genauso viel wert?

Wiebke Kethorn täuscht einen Wurf an, so wie es üblich ist im Handball. Dann lässt sie den Arm sinken. Sie unterbricht das Spiel, dieses Tor will sie nicht. Am Ende fehlt ihrer Mannschaft des VfL Oldenburg ein Treffer zum Sieg. Am Ende der Bundesliga-Saison ein Punkt zum Erreichen der Play-offs.

Schon in der Halbzeitpause prasseln die Fragen der Mitspielerinnen auf Wiebke Kethorn ein: Warum? Warum hat sie sich verweigert? Warum nicht dieses Tor gemacht, das doch so wichtig sein könnte, nicht nur für sie, für den ganzen Verein? „War halt so“, brummt sie zurück, bevor wieder alle aufs Feld müssen. Nach dem Abpfiff kommen ihre Mitspielerinnen wieder auf sie zu. Diesmal, um sich zu entschuldigen. Sie haben noch eine Halbzeit gebraucht, bis ihnen bewusst wurde, was Wiebke Kethorn gelungen war. Etwas Seltenes. Ein Sieg des Sportgeists.

Über Fairplay ist auch in diesem Jahr viel diskutiert worden. Vor allem über das, was davon im Profisport übrig geblieben ist. Stefan Kießling, Stürmer von Bayer Leverkusen, musste sich als Verräter am Fairplay beschimpfen lassen, weil er den Ball neben das Tor geköpft hatte und trotzdem danach den Treffer annahm. Der Ball war durch ein Loch im Tornetz gerutscht. Vielleicht hat Kießling wirklich an seinen Treffer geglaubt.

Der Geist des Sports scheint kein Stürmer zu sein, eher ein Abwehrspieler, Fairplay ist in die Defensive geraten, allenfalls bereit dazu, Schlimmeres zu verhindern. Der Ruf des Sports hat ziemlich gelitten, gerade im Fußball, wo die Spieler bei jedem Ball, der ins Aus fliegt, sicherheitshalber die Hände in die Luft reißen, um den nächsten Einwurf zu bekommen. Und im Fußball gilt es als fast normal, den Gegner mal aus taktischen Gründen von den Beinen zu holen. Oder bei kleineren Fouls mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Rasen zu rollen. Eine Examensarbeit hat vor einigen Jahren die Fußball-Bundesliga nach fairen Szenen durchsucht. Gefunden wurden sie vor allem bei Mannschaften, die entweder hoch in Führung lagen oder schon abgestiegen waren. So wirkt Fairness mal als Luxusartikel, mal als Nebenwirkung von Leistungsschwäche.

Um zu zeigen, dass es noch Fairplay gibt, werden inzwischen allerhand Preise verliehen. Auch aus Sehnsucht nach Vorbildern. Wiebke Kethorn hat einen bekommen, vergeben unter anderem vom Bundesinnenministerium. Vier Jahre ist das nun her, aber ihr kommt es manchmal vor, als klebte die Auszeichnung noch sichtbar an ihr. Erst kürzlich hat die 28 Jahre alte Nationalspielerin wieder einen Spruch zu hören bekommen, als sie es bei einem Spiel ganz genau nahm und einen Treffer nicht haben wollte. Jetzt sei nicht wieder so nett, hat eine zu ihr gesagt und: Ach, du mit deinem Fairplay.

Fairplay geht ihr manchmal auf die Nerven, sagt Wiebke Kethorn in einem Lokal in Oldenburg, die Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, vor ihr eine Schale mit grünem Wackelpudding. „Nach dem Spiel damals war mir das eher peinlich.“ Die Journalisten blaffte sie an: „Fragt mich nicht mehr danach!“ Zur Preisträgerin wurde sie auch, weil es ihr selbstverständlich vorkam, den Ball nicht zu werfen.

So furchtbar viel an Fairplay sei in der Regel ja auch im Handball nicht immer vorhanden. Da werde gekniffen, gekratzt, geschubst. Sie könne fünf, sechs Spielerinnen aufzählen, die Verletzungen ihrer Gegnerinnen bewusst in Kauf nähmen. Da hört es auf. „Manche können es nicht anders, sonst wären sie gar nicht in die Bundesliga gekommen.“ Mit unfairem Verhalten komme man eben leichter ans Ziel.

Hat sich Fairplay für sie schon mal gelohnt? Wiebke Kethorn zieht die Nase kraus: „Schwierige Frage. Vielleicht in der Situation damals, weil ich dadurch mal ins Rampenlicht gekommen bin. Aber sonst? Nee, irgendwie nicht.“ Dennoch hoffe sie, dass sie beim nächsten Mal wieder genauso handeln würde.

Auf seinem langen Weg durch die Sportgeschichte ist Fairplay etwas müde geworden. Ursprünglich stammt es aus England, wo im 19. Jahrhundert auch viele Sportarten geboren wurden. Für die höheren Schichten war Sport nicht nur Spiel, er war eine Haltung. „Fair ist, wenn man über die Regeln hinaus dem Gegner eine Chance gibt, sein Spiel zu machen“, sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin. „Erst durch diese Haltung wird das Spiel richtig schön. Dann kann man auch als Verlierer erhobenen Hauptes vom Platz gehen.“ Sei hart zu dir selbst, aber liebe den Gegner, lautete der Auftrag Pierre de Coubertins, des Erfinders der neuzeitlichen Olympischen Spiele. Inspiriert hatte Coubertin dabei der englische Sport.

Geld und Erfolgsdruck haben einiges verändert im Sport. „Es ist eine Abwägungssache geworden, ob man die Regeln befolgt oder nicht“, sagt Gebauer. Nützt es mir und der Mannschaft mehr, wenn ich den Gegner per Foul stoppe, selbst wenn ich dafür die Gelbe Karte sehe? Das sei wie mit dem Parken in der zweiten Reihe. Man zahle lieber eine Strafe und freut sich dafür, dass man toll geparkt hat. Oder wie mit den Banken, die ihre Kunden falsch beraten und sich dafür mit einer Konventionalstrafe freikaufen. „Aber Fairplay bedeutet, dass man besser handelt“, sagt Gebauer.

Im Profisport hat der Erfolgsdruck etwas Existenzielles bekommen. Ein Tor kann über Tausende von Euro entscheiden. Im Wettbewerb verliert die Fairness daher oft gegen die Cleverness. „Der Sinn der Sportregeln hat sich total verändert. Was der Schiedsrichter nicht gesehen hat, ist auch nicht geschehen. Der Spieler ist gar keine autonome Persönlichkeit mehr, die an der Schönheit des Spiels interessiert ist“, sagt Gebauer. Dazu falle ihm Thierry Henry ein. Frankreich qualifizierte sich auch deshalb noch für die Fußball-WM 2010, weil Stürmer Henry vor dem entscheidenden Tor den Ball mit der Hand mitgenommen hatte. Zugegeben hat er das erst hinterher. Anders machte es der deutsche Nationalspieler Miroslav Klose. Er hat schon zweimal auf dem Platz Entscheidungen des Schiedsrichters korrigiert und wurde dafür gefeiert. Gebauer findet: „Ein fairer Akt ruft Zufriedenheit bis Glück hervor.“

Ihren Reflex, den Ball nicht zu werfen, hat sich Wiebke Kethorn später noch mal ins Bewusstsein geholt. „Ich dachte, die Torhüterin sei verletzt.“ Im Jahr danach gab es eine ähnliche Szene. Nur dass diesmal die Torfrau von Kethorns Mannschaft am Kopf getroffen wurde. Der Ball sprang zur Angreiferin zurück, die ihn abgeworfen hatte. „Sie hat ihn einfach reingemacht.“ Kethorn stellte sie zur Rede – und bekam als Antwort: Eurer Torhüterin geht’s doch gut, stell dich nicht so an. Dass Kethorn auch anders kann, bewies sie wenig später: „Ich habe gegen sie gedeckt, da hat sie von mir einen Schlag abbekommen – weil ich das gemein fand“, sagt sie, und lässt ihre Faust trotzig auf den Oberschenkel fallen.

Die Gesetze des Fairplays gelten nicht nur im Spiel, sie lassen sich auch auf die Regeln des Alltags übertragen. Wiebke Kethorn, die neben ihrer Handballkarriere als Architektin arbeitet, denkt dabei an die vielen Tricks bei Ausschreibungen von Bauvorhaben, mit denen Unternehmen den Zuschlag zugeschustert bekämen. Ein abgekartetes Spiel, manchmal nicht mal illegal, aber eben immer unfair.

„Man erwartet vom Sport ein besseres Persönlichkeitsmodell. Eher noch als von der Politik und der Wirtschaft und immer weniger von der Kirche“, sagt Gunter Gebauer. In der Wirtschaft gratuliere der Unterlegene nicht dem Marktführer, sondern strenge im schlimmsten Fall noch eine Klage gegen ihn an. Im Zehnkampf dagegen gehen alle Sportler gemeinsam auf die Ehrenrunde durchs Stadion, aus Respekt vor der Leistung des anderen.

Das ist ein Ritual, genauso wie manche Sportart einen Ehrenkodex hat für faires Verhalten. Im Tischtennis etwa gibt es die Sitte, den Punkt an den Gegner zu geben, wenn der Ball auf der eigenen Hälfte die Tischkante doch noch berührt und der Schiedsrichter es nicht gesehen hat – mit Einschränkungen. „Gegen Nordkorea bekommst du den Ball nicht zurück.“

Timo Boll, Deutschlands erfolgreichster Tischtennisspieler, hat seinem chinesischen Gegner bei einer Weltmeisterschaft auch beim Matchball den Punkt gegeben. Der Schiedsrichter hatte den Ball schon im Aus gesehen. Für Boll ist Fairplay Gefühlssache, seitdem er mal einen Punkt mitgenommen habe, der ihm nicht zustand. Vergessen hat er, wann und wo das war, aber es ist etwas hängen geblieben: „Ein schweres, unschönes Gefühl. Das möchte ich einfach nicht mehr haben.“

Das Spiel gegen den Chinesen verlor Boll, am Ende des Turniers bekam er aber noch einen Fairplay-Preis. Solche Auszeichnungen sollen das Edle feiern und wirken manchmal doch wie Trostpreise. Für die netten Sportler, die eben nicht gewinnen können. Nice guys finish last, heißt es. Der türkische Fußballer Alpay Özalan hat auch einen solchen Preis erhalten, weil er seinen kroatischen Gegenspieler bei der Fußball-EM 1996 laufen ließ, anstatt ihn umzutreten. Der schoss das einzige Tor des Spiels.

Über den Preis, verliehen vom europäischen Fußball-Verband Uefa, hat sich Özalan nicht gefreut. Er hätte lieber gewonnen. Gerade im Fußball wird von Trainern, Zuschauern, Medien Härte gefordert, Aggressivität. Im Zweifel scheint der Sieg wichtiger zu sein als der Sportsgeist, Fairplay wirkt da geradezu geschäftsschädigend. Der Preis zeigte Wirkung: Özalan fiel fortan durch grobe Fouls auf, beteiligte sich an Rangeleien und löste einmal durch einen Tritt eine Schlägerei mit Schweizer Nationalspielern aus.

Nicht hinter jedem Preis steht eine Heldentat. Eine „Verflachung der Fairplay-Preise“, hat der Sportpädagoge Norbert Müller beobachtet, seit 1990 sitzt er im internationalen Fair-Play-Komitee. Das fange schon mit den Vorschlägen an. Es würden immer weniger und immer weniger gute. Da werde aus China eine zweitplatzierte Turnerin nominiert, die doch tatsächlich der Gewinnerin zum Sieg gratuliert habe. Welch große Geste.

Den deutschen Fairplay-Preis erhielten im Dezember ein russischer Kampfrichter und ein Fotograf, die dem deutschen Kugelstoßer David Storl durch die nachträgliche Auswertung eines Fotos zur Goldmedaille verhalfen. „Lächerlich“, findet Müller das. „Das ist einfach Gerechtigkeit, aber doch kein Fairplay.“ Inzwischen wird auch Toleranz und Anti-Rassismus in die Preise und Kampagnen hineingerührt. Fairplay verkommt zum sportlichen Wort zum Sonntag.

Und ist es nicht auch schon eine Niederlage für den Sport, dass faires Verhalten überhaupt mit Preisen belohnt werden muss, obwohl es doch eigentlich so normal sein sollte? Fairplay macht jedenfalls den Unterschied aus zum einfachen Erfolgsstreben. Als sie ihren Preis erhielt, kam sich Wiebke Kethorn vor wie ein Star. „Es gibt sicher auch Leute, die das gerne gemacht hätten wie ich und finden es schade, dass sie nicht so handeln.“ Auch deshalb habe sie viel Bewunderung gespürt. Um Fairplay wieder wettbewerbsfähig zu machen, müsste man das Verhältnis zum Sieg und zum Gegner zurechtrücken, findet Gunter Gebauer: „Die Lust am Gewinnen muss eine schöne Lust sein, keine gemeine Lust, und die Fähigkeit zu verlieren ist nur scheinbar pessimistisch, denn aus Niederlagen kann man Stärke ziehen. Das ist im Sport sehr viel sinnlicher und direkter zu erleben als überall sonst.“

Im Sport lasse sich eine faire Haltung am besten einüben, sagt Gebauer, und Wiebke Kethorn will ihre Überzeugung vom guten Spiel auch weitergeben, als Jugendtrainerin beim VfL Oldenburg. „Wenn meine Spielerin vier Schritte macht und ein Tor wirft, obwohl nur drei erlaubt sind, kriegt sie einen auf den Deckel. So laut, dass die Schiedsrichterin es hört.“ Aber schon in ihrer Familie habe sie sich über Fairness gestritten. Ihr Bruder spiele Fußball und lasse sich gerne mal fallen. „Ich habe ihm gesagt, er wäre stärker, wenn er das nicht mehr machen würde. Ich habe ihn dann Andy genannt – wegen Andy Möller, dem Schwalbenkönig.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!