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EU-Staaten sollen Notbremse auslösen : Bundesregierung schränkt Flugverkehr wegen Corona-Variante ein

Experten warnen vor einer hochgefährlichen Virusvariante aus Südafrika. Nach Israel und Großbritannien hat auch Deutschland den Flugverkehr eingeschränkt.

Benjamin Reuter
Ein Airbus 320 von Lufthansa hebt ab - das Unternehmen fliegt Südafrika derzeit fünf mal in der Woche direkt an.
Ein Airbus 320 von Lufthansa hebt ab - das Unternehmen fliegt Südafrika derzeit fünf mal in der Woche direkt an.Foto: Christophe Gateau/dpa

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat am Freitagmorgen via Twitter angekündigt, dass Deutschland Südafrika zum Virusvariantengebiet erklären wird. Mit Inkrafttreten in der Nacht dürfen Fluggesellschaften nur noch Deutsche nach Deutschland befördern, außerdem gelten 14 Tage Quarantäne für alle, auch für Geimpfte. Aktuell befinden sich nach Schätzung des Branchenverbandes DRV bis zu 400 Gäste mit deutschen Reiseveranstaltern im südlichen Afrika.

Experten befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen hoch ansteckend sein könnte und zudem den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen könnte.

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Wie das Ministerium weiter mitteilte, wird die neue Einstufung möglicherweise auch Nachbarländer von Südafrika betreffen. Die neu entdeckte Virusvariante "besorgt uns, daher handeln wir hier pro-aktiv und frühzeitig", erklärte der geschäftsführende Minister Jens Spahn (CDU). "Das letzte, was uns jetzt noch fehlt, ist eine eingeschleppte neue Variante, die noch mehr Probleme macht."

Spahn bittet Reisende aus Südafrika, sich mit einem PCR-Test testen zu lassen. Da die Einschätzung als Virusvariantengebiet mit der Quarantäne-Auflage erst ab heute Nacht greife, appelliere er an Personen, die heute oder vor einigen Tagen aus Südafrika angekommen seien, sich freiwillig testen zu lassen.

Lufthansa lässt Südafrika-Flüge im Programm

Die Lufthansa-Group lässt Flüge nach Südafrika trotzdemvorerst im Programm. "Wir beobachten die Situation sehr aufmerksam", sagte ein Lufthansa Sprecher. Die Kernmarke Lufthansa fliegt derzeit 17 mal pro Woche nach Südafrika, die Schweizer Töchter Swiss und Edelweiss bieten zusammen neun Verbindungen an. Auch Frachtflüge von Lufthansa Cargo werden weiter betrieben. An der Börse brach der Kurs von Lufthansa-Aktien ein, da wegen des Auftretens neuer Virusvarianten scharfe Reisebeschränkungen drohen.

Wegen der Ausbreitung einer neuen möglicherweise gefährlicheren Variante des Coronavirus will auch die EU-Kommission Reisen aus dem südlichen Afrika in die EU auf ein absolutes Minimum beschränken.

Die Brüsseler Behörde werde den EU-Staaten vorschlagen, die dafür vorgesehene Notbremse auszulösen um den Luftverkehr auszusetzen, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter mit. Die Echtheit des Tweet wurde der Deutschen Presse-Agentur bestätigt.

Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza schränkte per Anordnung die Einreise aus mehreren südafrikanischen Ländern ein. Italienische Wissenschaftler arbeiteten daran, die Variante zu untersuchen. In der Zwischenzeit gilt laut Speranza „maximale Vorsicht“.

Auch Österreich verbietet die Einreise aus Südafrika und einigen anderen afrikanischen Staaten. Das gab das Gesundheitsministerium am Freitag bekannt. Nur Österreicher, die sich in Südafrika, Namibia, Botsuana, Simbabwe und Mosambik aufhielten, dürften noch in ihre Heimat zurückkehren. Sie müssten aber besonders strenge Quarantäne-Bedingungen beachten.

Ähnliches kündigten die Niederlande und Tschechien an.

Zuvor lavierte der designierte Verkehrsminister Wissing

Der designierte Verkehrsminister der Ampelkoalition, Volker Wissing (FDP), hatte am Freitagmorgen noch keine eindeutige Antwort geben, wie mit der Variante zu verfahren ist.

Wissing antwortete im Deutschlandfunk zuerst, dass die Bundesländer das Infektionsschutzgesetz besser umzusetzen müssten. Auf die erneute Frage, ob nun keine Flüge aus den betroffenen Regionen mehr in Frankfurt und anderen großen deutschen Städten landen dürften, antwortete Wissing erneut, dass wichtigste sei nun, Kontaktbeschränkungen im Inland schnellstmöglich umzusetzen. Wissing verwies im dritten Antwortanlauf darauf, dass das die noch im Amt befindliche Bundesregierung entscheiden müsse. Er empfahl der Bundesregierung schließlich auch „Maßnahmen im Flugverkehr“.

Bald-Verkehrsminister Volker Wissing verweist an die alte Bundesregierung.
Bald-Verkehrsminister Volker Wissing verweist an die alte Bundesregierung.Foto: imago/Sämmer

Variante könnte Impfschutzschild durchbrechen

Auch das Kanzleramt ist wegen der neuen Virusvariante aufgeschreckt. „Die Wissenschaftler sind alle hoch alarmiert“, sagte Braun am Freitagmorgen im ARD-Morgenmagazin. Experten befürchten, dass die Variante B.1.1.529 wegen ungewöhnlich vieler Mutationen nicht nur hoch ansteckend sei, sondern auch den Schutzschild der Impfstoffe leichter durchdringen könnte. Braun betonte, dass deswegen auch Gespräche mit dem Robert Koch-Institut geführt würden.

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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der auch als möglicher neuer Bundesgesundheitsminister gehandelt wird, schrieb auf Twitter: „Wir müssen Zeit gewinnen. Nichts ist schlimmer als eine neue Variante in eine laufende Welle hinein.“ Wenn vorläufige Daten sich als korrekt herausstellten, „müssen sofort Reisebeschränkungen erfolgen“.

Das südafrikanische Institut für Ansteckende Krankheiten NICD hatte am Donnerstag mitgeteilt, es seien in Südafrika 22 Fälle der neuen Variante B.1.1.529 nachgewiesen worden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO untersucht bereits, ob B.1.1.529 als besorgniserregend eingestuft werden muss. Das sagte WHO-Expertin Maria van Kerkhove in einem Briefing. Es werde dabei auch untersucht, inwieweit die Variante Folgen für die Diagnostik, Therapien und die Impfkampagnen habe. Die WHO berät voraussichtlich noch am Freitag in einer Sondersitzung über B.1.1.529.

Die WHO hat für die unterschiedlichen Corona-Variante mehrere Kategorien. Eine davon ist die Kategorie „Variant of Concern“, auf deutsch „besorgniserregende Variante“. Eine der „Variants of Concern“ ist etwa die derzeit in Deutschland vorherrschende Delta-Variante des Coronavirus. Zu den Merkmalen einer solchen Variante kann etwa gehören, dass sie nachgewiesenermaßen die Übertragbarkeit des Coronavirus erhöht hat.

Unter anderem Indien reagierte umgehend auf die in Südafrika entdeckte neue Coronavirus-Variante: Internationale Reisende aus Südafrika und anderen Ländern sollen konsequent getestet und geprüft werden, wie das Gesundheitsministerium mitteilt.

In Japan beschloss die Regierung eine Verschärfung der Grenzkontrollen für Einreisende aus Südafrika und fünf andere afrikanische Länder beschlossen, wie die Nachrichtenagentur Jiji meldet. Hintergrund sei die in Südafrika entdeckte neue Coronavirus-Variante.

Person in Israel mit neuer Variante infiziert

In Israel wurde nach offiziellen Angaben eine Person identifiziert, die sich mit einer zuerst in südafrikanischen Ländern entdeckten neuen Variante des Coronavirus infiziert hat. Zwei weitere Personen seien Verdachtsfälle, die noch auf ihre Testergebnisse warteten, teilte das Gesundheitsministerium am Freitag mit. Sie befänden sich in Quarantäne. Eine Sprecherin der Behörde zur Corona-Bekämpfung bestätigte, dass es sich um die Variante B.1.1.529 handelt, die aus dem südlichen Afrika stammt.

Die infizierte Person sei aus Malawi nach Israel zurückgekehrt, hieß es weiter vom Ministerium. Die anderen beiden seien ebenfalls aus dem Ausland zurückgekehrt. Alle drei Personen seien geimpft worden. Ihr genauer Status werde derzeit überprüft. Es werde zudem nach weiteren Kontakten gesucht.

Israel hatte aus Sorge vor der neuen Variante des Coronavirus am Donnerstag sofortige Reisebeschränkungen für mehrere afrikanische Länder verhängt. Südafrika, Lesotho, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Namibia und Eswatini seien nach einer Sonderberatung als „rote Länder“ eingestuft worden, teilte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett mit.

Die britische Regierung schränkt wegen der neuen Virusvariante den Flugverkehr aus Südafrika, Lesotho, Botsuana, Simbabwe, Eswatini und Namibia ein. Zudem gelte für Ankommende eine strenge Pflicht zur Hotelquarantäne, teilte Gesundheitsminister Sajid Javid mit.

Bislang wurden in Großbritannien keine Fälle mit der neuen Variante festgestellt, die etwa 30 Mutationen aufweisen soll. Doch täglich kommen laut der Nachrichtenagentur PA 500 bis 700 Menschen allein aus Südafrika in dem Land an. Direktflüge nach Deutschland führt aktuell Lufthansa und Condor durch. (mit Agenturen)

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