Überregionales : Erdogans Geheimdienst ergreift Gegner in Europa

Kommandoaktion gegen Gülen-Anhänger im Kosovo

Susanne Güsten

Istanbul - Türkische Sicherheitskräfte haben erstmals in einem europäischen Land mutmaßliche Regierungsgegner festgenommen und in die Türkei gebracht. Bei einer Kommandoaktion des Geheimdienstes MIT im Kosovo griffen sich türkische Agenten sechs Mitglieder der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Der Fall dürfte weit über den Kosovo hinaus Schockwellen auslösen: Ankara ist wegen der aus türkischer Sicht mangelnden Kooperationsbereitschaft der Europäer offenbar entschlossen, europäische Regierungen zu umgehen und notfalls illegale Wege einzuschlagen, wenn es um die Bekämpfung der Gülen-Bewegung geht.

Laut Medienberichten war ein offizieller Auslieferungsantrag der Türkei für die sechs Gülen-Anhänger von der Staatsanwaltschaft im Kosovo abgewiesen worden. Präsident Recep Tayyip Erdogan sah dennoch keinen Grund, die Geheimdienstaktion geheim zu halten. Im Gegenteil feierte der türkische Staatschef die Festnahme von fünf Lehrern einer Gülen-Schule und eines Arztes als Erfolg. Den Ministerpräsidenten des Kosovo, Ramush Haradinaj, attackierte Erdogan in scharfen Worten, weil dieser als Reaktion auf die MIT-Aktion seinen Innenminister und den Geheimdienstchef entlassen hatte. Was ihm denn einfalle, Unterstützer des Putschversuchs in der Türkei zu decken, fragte Erdogan an Haradinaj gerichtet: „Dafür wirst du bezahlen“.

Ankara macht die Gülen-Bewegung für den Umsturzversuch des Jahres 2016 verantwortlich und jagt mutmaßliche Anhänger des in den USA lebenden islamischen Predigers im In- und Ausland. Einige asiatische Länder haben mehrere Gülen-Anhänger an Ankara ausgeliefert, doch im Westen dringt die Türkei bisher vergeblich darauf. Am Montag wurde, mehr als zwei Jahre nach dem tödlichen Anschlag auf den russischen Botschafter in der Türkei, Haftbefehl gegen Gülen und sieben weitere Personen erlassen.

Die MIT-Aktion im Kosovo fand nur wenige Tage nach dem Treffen Erdogans mit den Spitzen der EU im bulgarischen Varna statt, bei dem über einen Neuanfang in den Beziehungen nach jahrelangem Streit gesprochen wurde. Unterdessen baut die Türkei ihre enge Kooperation mit Russland systematisch aus. An diesem Dienstag wird der russische Staatschef Wladimir Putin zu einem mehrtägigen Besuch in der Türkei erwartet. Während der Visite soll unter anderem der Grundstein für den Bau des ersten türkischen Atomkraftwerkes durch russische Unternehmen gelegt werden. Am Mittwoch wollen Erdogan, Putin und der iranische Staatschef Hasan Ruhani über die Lage in Syrien beraten, wo die Türkei und Russland ebenfalls eng zusammenarbeiten. Susanne Güsten

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