Überregionales : Entgleisungsgefahr: Potsdam legt neue Trams lahm

Wegen eines Defekts an den Rädern wurden 13 der 14 neuen Variobahnen aus dem Verkehr gezogen

M. Matern M. Zschieck K. Wiechers

Potsdam - Es war ein Zufallsfund, doch die Konsequenzen sind gravierend: Weil bei den neuen Potsdamer Straßenbahnen ein Fehler an den Rädern festgestellt wurde, sind diese sofort aus dem Verkehr gezogen worden. Ansonsten hätte eine Entgleisung gedroht. Am Mittwochabend wurde der Defekt an 13 der 14 Variobahnen entdeckt, seit dem gestrigen Donnerstag dürfen sie nicht mehr fahren.

Der Fehler sei bei der Routinekontrolle an einer der Bahnen aufgefallen, sagte der Technikchef der Verkehrsbetriebe (ViP), Oliver Glaser. Daraufhin wurden alle Variobahnen untersucht und tatsächlich bei fast allen Mängel festgestellt. „Die Räder haben zu wenig Spiel in den Schienen“, erklärte Glaser. Deshalb bestehe die Gefahr, dass sie sich in einer Kurve oder an einer Weiche verkeilten und die Bahn entgleise. Die Abweichung sei zwar noch innerhalb der sogenannten Sicherheitsreserve, sagte Glaser. „Aber wir wollten kein Risiko eingehen.“ Deshalb sei fast die gesamte Flotte mit sofortiger Wirkung aus dem Umlauf genommen worden. Nun versuchten Ingenieure des ViP, des Herstellers Stadler sowie ein externer Gutachter, die Ursache für den Defekt zu finden. Noch sei diese völlig unklar. „Das tauchte aus dem Nichts auf. Wir stehen vor einem großen Rätsel“, sagte Glaser. Alle Bahnen würden alle drei Monate überprüft. Der Mangel sei bis jetzt nie aufgetaucht, auch nicht an den Trambahnen anderer Bauart. Spätestens Anfang kommender Woche solle ein Gutachten vorliegen.

Betroffen von den Ausfällen ist vor allem die Linie 98. In Potsdam-West soll sie durch Busse ersetzt werden, zwei Stück hat der ViP bei Havelbus ausgeliehen. Zwischen Platz der Einheit und Kirchsteigfeld sollen hingegen alte Tatrabahnen fahren, die der ViP noch im Depot hat. Diese haben allerdings keinen Fahrkartenautomaten und sind für Rollstuhlfahrer ungeeignet. Außerdem soll auf Strecken mit weniger Fahrgästen nur ein Wagon fahren.

Schon kurz nach der Anschaffung der ersten Variobahnen hatte es Probleme gegeben: Vier Trams hatten im Mai 2012 einen Radschaden – die Gummis zwischen Radscheibe und Reifen hatten Risse. Beim Hersteller Stadler Rail in Berlin-Pankow zeigte man sich am Donnerstagnachmittag überrascht über die neuerlichen Probleme. Diese seien bisher völlig unbekannt, sagte eine Unternehmenssprecherin. „Wir gehen dem jetzt nach.“

Die erste Variobahn von Stadler rollte in Potsdam im September 2009 aus dem Depot. Der Stückpreis lag damals bei etwa 2,5 Millionen Euro. Produziert worden sind die Potsdamer Variobahnen im Wesentlichen im Stadlerwerk Berlin-Hohenschönhausen. Ebenfalls auf Variobahnen gesetzt haben in der Vergangenheit unter anderem die Städte München oder Bochum und die österreichische Stadt Graz. Dort sowie in München wurde aber zwischenzeitlich Kritik am Fahrverhalten der Varios laut. Anwohner beschwerten sich über angeblich erhebliche Erschütterungen und Lärm, der durch die „Donnerwalze“ verursacht werde.

Derzeit hat Potsdam 14 Variobahnen, 22 Tatrabahnen und 17 Combino-Bahnen. Auch Letztere hatten schon für Ärger gesorgt. 2004 mussten sie wegen eines Konstruktionsfehlers weltweit aus dem Verkehr gezogen werden. Der Hersteller Siemens empfahl schließlich, Combinos ab einer Laufleistung von 120 000 Kilometern nicht mehr zu betreiben. Alle Potsdamer Exemplare wurden saniert.

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