Donald Trump : Gegen den Strom

Malte Lehming

Man ahnte es, und fasst es trotzdem kaum: US-Präsident Donald Trump empfiehlt als Mittel gegen Schulmassaker die Bewaffnung von Lehrern. Muss man diesen Vorschlag ernsthaft diskutieren? Nein. Eine solche Argumentation gehört zum festen Repertoire der Waffenlobby. Eine andere heißt: Nicht Waffen töten, sondern Menschen töten. Tausendmal vernommen, tausendmal den Kopf geschüttelt. Denn wahr bleibt: Menschen mit Waffen töten, je leichter der Zugang, desto öfter.

Es gibt viele Sätze, die einst gängig waren, aber den Wirklichkeitstest nicht mehr bestehen. Man hört sie noch hier und da, aber ihnen klebt etwas Exotisches, Fernes, Vergangenes an. „Frauen sollen nicht wählen dürfen“, „Homosexualität ist ein Verbrechen“, „Nur Frauen und Männer können heiraten“, „Muslime sind eine Gefahr für die Demokratie“.

Einige dieser Sätze dröhnen wieder lauter als früher durch den öffentlichen Raum. Das liegt am Rechtspopulismus. Viktor Orban, Marine Le Pen, Donald Trump, Geert Wilders. Sie proben den Aufstand gegen den Liberalismus. Sie nähren die Sehnsucht nach einem Gestern, das zwar unwiederbringlich vorbei ist, aber umso intensiver als identitätsstiftend gefühlt wird. Wie Erinnerungen an eine schöne Kindheit, die erste Liebe, die Hochzeit, die Geburt der Kinder.

Ist der Rechtspopulismus eine kulturelle Gegenrevolution, die immer stärker wird? Einiges spricht dafür – die politische Entwicklung in Ungarn, Polen, Skandinavien, Österreich, der Brexit, der Wahlerfolg von Trump. Aber er könnte auch ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen gegen die Großtrends unserer Zeit sein, gegen Emanzipation, Liberalismus, Minderheitenschutz, Globalisierung, Selbstbestimmung. Steht der Rechtspopulismus also letztlich doch bereits kurz vor seinem Ende? Ist er ein Zombie?

Ein Blick in die USA. Dort werden seit vielen Jahren mehr nicht-weiße als weiße Babys geboren. Alle vier Jahre wird die Wählerschaft zwei Prozent weniger weiß und zwei Prozent mehr multiethnisch. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der „Asian Americans“ um 43 Prozent, der „African Americans“ um 12 Prozent, der „Hispanics“ um 43 Prozent.

Junge Menschen, Frauen, Latinos und Schwarze wählen überwiegend demokratisch. Bei Themen wie Zuwanderung, Integration, gleichgeschlechtliche Ehe, Legalisierung von Marihuana, schärfere Waffengesetze, Todesstrafe, Sterbehilfe verhält sich diese Wählergruppe liberaler als der amerikanische Durchschnitt. Weil sie immer größer wird, gewinnen die Demokraten, bei gleichbleibendem Wahlverhalten, statistisch alle vier Jahre 1,7 Prozentpunkte hinzu.

Die Wahl Donald Trumps ließe sich als schlagendes Gegenargument deuten. Doch plausibler ist es, sie als Ausnahme von der Regel zu verstehen, als ein seltenes Beispiel für einen Wahlerfolg, der gegen eine historische Entwicklung erzielt wurde. Begünstigt wurde dessen Sieg einerseits durch eine äußerst schwache, weil unbeliebte Gegenkandidatin, Hillary Clinton, andererseits durch das System der Wahlmänner.

Zu Trumps treuesten Wählern zählen weiße, männliche Evangelikale. Doch auch bei Evangelikalen gilt: Je jünger, desto liberaler. Außerdem lässt die Kirchenbindung, besonders bei weißen Protestanten, in den USA stark nach. Vor fünfzig Jahren fühlten sich noch zwei Drittel der erwachsenen Amerikaner einer protestantischen Kirche verbunden, heute sind es weniger als die Hälfte. Die Zahl der Zugehörigen zu einer anderen Gemeinschaft, der sogenannten „Nones“, die sich zu keinem religiösen Glauben bekennen, steigt dagegen rapide an. Vor fünfzig Jahren charakterisierten sich noch sieben Prozent der Amerikaner als „Nones“, heute sind es, laut Umfrageinstitut Pew, zwanzig Prozent.

Zwei Drittel der Amerikaner sind für striktere Waffengesetze. Wieder sind es vor allem Jugendliche, die gegen eine unselige Tradition protestieren. Trump und die Seinen halten dagegen, liebäugeln mit allenfalls kosmetischen Korrekturen. Am Ende werden sie verlieren.

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