Die Zukunft der FDP : Lindners Marsmission

Antje Sirleschtov

Man muss diesen Christian Lindner noch einmal loben. Weil es ein bisschen untergegangen ist in den politischen Herbststürmen. Mehr als zehn Prozent der Wähler konnte der FDP-Vorsitzende überreden, ihr Kreuzchen bei den Freidemokraten zu setzen. Und das, nachdem die FDP vier Jahre zuvor mit einem so kräftigen Fußtritt vor die Tür gesetzt wurde, dass man dachte, sie erholt sich nie wieder davon. Doch sie tat es, und das ist das Verdienst dieses Parteivorsitzenden. Auch wenn im Wahlkampf das Marketing die Inhalte oftmals überdeckte. Am Ende hat Lindner den Beweis angetreten, dass es einen Platz für jene Politik gibt, die immer wieder die Fragen von Freiheit und Liberalität aufwirft. Und ebenso, dass er, Lindner, ein brillanter Verkäufer dieser Haltung ist.

Aber reicht es, in diesen Zeiten von Entgrenzung, Egoismus und Unsicherheit die Fahne der Freiheit, Leistung und Entschlossenheit hochzuhalten? An diesem Wochenende hat Lindner von der Kanzlerin mehr „Leadership“ verlangt, als ob die Zerstörungswut von Männern wie Trump, Erdogan und Putin einzuhegen wäre, wenn eine Angela Merkel nur mal richtig auf den Tisch der Weltpolitik hauen würde. Und er hat das hohe Lied von der „Innovation Nation“ gesungen, einem Land, das in Zukunft ein durchdigitalisiertes Blockchain-Volk bewohnen wird, dessen größte Sorge es ist, dass Siemens und nicht die Chinesen Kühlschränke bauen, die unser Abendessen bestellen. Ein kleines Männchen im Raumanzug schwebte über allem, einen blauen Fleck hat es statt eines Gesichts und es atmet durch einen Plastikschlauch. Ist das die neue Lindner-Freiheit? Soziale, ökologische, ja menschliche Politik sieht anders aus.

Genau hier liegt das Problem dieser neuen FDP. Sie haben die Verantwortung jahrzehntelang zur Fußnote degradiert. Ihre Liberalität wurde so auf die persönliche Freiheit des Einzelnen reduziert. Die politischen Fragen aber handeln von der Gemeinschaft, im Land, in Europa, weltweit. Die Deutschen sorgen sich nicht darum, als Erste den Mars zu erreichen. Sie fragen, wie der lange Weg dahin so gestaltet werden kann, dass nicht alle Werte von sozialer Verantwortung und Menschenwürde auf der Strecke bleiben. Darauf muss Politik Antworten geben, damit die Welt nicht in die Hände der Populisten und Multikapitalisten fällt. Linke Antworten, konservative, aber eben auch liberale. Christian Lindner hat das inzwischen verstanden und sich für seinen Wahlslogan „Digitalisierung first – Bedenken second“ entschuldigt – nachdem der Facebookskandal zutage gefördert hat, wie wichtig die Bedenkenträger werden, wenn Globalisierung und Digitalisierung gleichzeitig die Welt bestimmen.

In den nächsten Jahren wird die FDP ihre Antworten finden müssen. Wie arbeiten wir in Zukunft, wer zahlt Steuern im Globaldorf und was wird aus denen, die zu alt oder nicht in der Lage sind, sich lebenslang weiterzubilden? Leicht wird das nicht, denn die CDU wird in vier Jahren nicht mehr Merkels träge Machtpartei sein. Auch die SPD sucht neue Wege und vor allem mit den sich modernisierenden Grünen wird Lindner um die Stimmen in urbanen Milieus wetteifern müssen. Außerdem lösen sich die alten Strukturen in der Wirtschaft, zwischen Angestellten und Unternehmern genauso auf wie die Berufsbilder und damit die traditionellen Wählergruppen. Lindners FDP – sie ist selbst auf einer Marsmission.

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