Überregionales : Die Liebesmüh

„Das grottigste aller Literaturgenres bleibt der Liebesroman“, schrieb der Kritiker Denis Scheck. Trotzdem erreichen die Bücher Millionenauflagen, auch wenn sie selten Bestseller werden. Doch die Autoren – meist sind es Frauen – schreiben unentwegt. Warum nur? Weil sie müssen

Torsten Hampel

Der einzige Störversuch findet achtern statt. Ganz hinten, auf einer Bank des Ausflugsdampfers „MS Sonnenschein“ der Havelreederei Bolz, hat einer der Anwesenden den Kulturteil der „Neuen Zürcher Zeitung“ abgelegt, das Feuilleton. Das Feuilleton, es beschreibt an diesem Tag vor allem die architektonische Güte eines Bibliotheksanbaus in Leipzig, ist ein Fremdkörper hier. Die Gegenwelt. Denn die restlichen Sitzbänke werden belegt von Mitgliedern und Gästen der Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autoren und -Autorinnen, kurz Delia, und Liebesromane kommen in Feuilletons so gut wie gar nicht vor.

Manchmal aber doch. Im Tagesspiegel zum Beispiel schrieb der Buchkritiker Denis Scheck: „Das grottigste aller Literaturgenres bleibt der Liebesroman.“

Die Dampferfahrt gehört zum jährlichen Vereinstreffen, den Delia-Liebesromantagen, diesmal abgehalten im brandenburgischen Rathenow. Zu Delia wiederum gehören 82 Mitglieder. 82 Berufsleben im Schatten der Kulturteile, 78 Frauen und vier Männer, 20 Millionen verkaufte Bücher. Ignorierte und geschmähte und von ihren Lesern geschätzte Leute in Personalunion. Manche von ihnen sind Auflagenkolosse, die Bücher des Ehepaars zum Beispiel, das unter dem Namen Iny Lorentz schreibt, haben eine Gesamtauflage von sieben Millionen Stück.

Die Tage von Rathenow – mehr noch als die beiden großen Buchmessen, die Leipziger im Frühjahr und die gerade in Frankfurt am Main abgehaltene – sind ihre Leistungsschau. Es gibt eine Preisverleihung, Seminare, ein Rahmenprogramm und viel Publikum. Am Abend zuvor war eine zum Kulturzentrum umgebaute Getreidemühle voll mit Menschen, die den Autorinnen beim Vorlesen zuhörten. Die Mühle ist sehr groß, hier fand einst die nahezu gesamte Haferflockenproduktion der DDR statt.

Nun war also die Romanproduktion zu Gast. Die Ware lag auf großen Tischen im Foyer. Viele der Bücher dort trugen Berufsbezeichnungen im Titel. „Die Muschelsammlerin“, „Das Schokoladenmädchen“, „Die Tortenbäckerin“, „Die Ketzerbraut“. Manche der Bücher waren nach Farben benannt, „Rubinrot“, „Saphirblau“, „Smaragdgrün“. Manche wiesen auf ein Geheimnis hin, „Das silberne Zeichen“, „Der gläserne Schrein“. Es gab „Die Stadt der Heiligen“, „Die Rose von Asturien“, „Das Gold der Maori“. Es gab „Der Venuspakt“, „Der Lilienpakt“, „Höllenflirt“, „Prinzentod“, „Winterherz“.

Den Publikumserfolg all dieser Bücher in Zahlen seriös wiederzugeben ist kaum möglich. Das liegt daran, dass Konsumforschungsinstitute ihre Daten recht grob erheben, Liebesromane gehen in Statistiken im großen Brocken der „Erzählenden Literatur“ auf, die wiederum eine Unterabteilung der Belletristik ist. Außerdem mischen sich die Genres, Krimi mit Liebe, Historie mit Liebe, Fantasy mit Liebe. Selbst einzelne Verlage sind nicht mehr in der Lage, dies in ihren Buchhaltungsabteilungen plausibel zu trennen.

Die „MS Sonnenschein“ schwappt über das Wasser. Die Zeitung kümmert sich immer noch um Leipzig, um sie selber kümmert sich niemand, die Gegenwelt liegt unbeachtet da. Es herrscht friedliche Koexistenz. Das Interesse der Liebesroman-Autoren und -Autorinnen gilt anderem. Sie winken, wenn sie am Ufer jemanden beim Rasenmähen sehen. Sie trinken Kaffee und ihrer Meinung nach viel zu süßen Wein. Jemand fragt laut „Wie heißt dieses Gewässer?“ Jemand anderes sagt „Havel“.

Sie sind alle ein bisschen müde, noch von der Anreise, vom langen Vorabend, der nächste Höhepunkt wird eine Stadtführung sein, eine sehr geduldig erklärende Rathenowerin in Tracht wird sagen, sie stelle Frau Harke dar, die Schutzpatronin des Havellandes, die „Beschützerin der Tiere, Feldfrüchte und des Familienfriedens“. „Tiere, Feldfrüchte und Familienfrieden“, wird Silke Schütze dann flüstern, „ist ja wie Liebe und Landschaften.“ Liebe und Landschaften ist Verlagssprache für die sogenannte Unterhaltungsliteratur, und Silke Schütze ist eine der Hauptpersonen von Rathenow. Am Abend zuvor hat sie für ihr Buch „Kleine Schiffe“ eine Auszeichnung bekommen. Nach Ansicht der Delia-Jury ist es der drittbeste Liebesroman des Jahres.

Ein anderer Tag. Frau Schütze, Jahrgang 1961, blonde Locken, schwarzgerahmte Großstadtbrille, des Schreibens mit dem Zehnfingersystem mächtig, sitzt da, wo sie sehr oft sitzt. Wochentags von halb neun morgens bis sieben am Abend meist, an einem Schreibtisch eines Kellerbüros in Hamburg-Eimsbüttel. Wenn sie aufschaut, geht ihr Blick auf ein Fenster, direkt dahinter sind dann nur noch aufgemauerte Backsteine zu sehen. „Aussicht ist überschätzt“, sagt sie, und dann senkt sie den Blick wieder auf die Manuskriptseiten, die auf dem Tisch vor ihr liegen. Sie sind gerade vom Verlag zurückgekommen, Schwarz auf Weiß bedruckte Seiten ihres nächsten Buches, sie lacht ein bisschen, als sie an der Stelle ankommt, wo der Lektor mit Rot hineingeschrieben hat „((Frau Schütze!))“. Das Rot ist eine der Zumutungen ihres Berufs.

Erst fällt einem die Geschichte ein, sagt Schütze. Dann schreibt man sie im Kopf. Dann schreibt man sie wirklich. Dann kriegt’s der Lektor, und dann schreibt man sie noch mal. Eigentlich sei sie sehr froh über ihren Lektor, sagt sie, zur Sicherheit hängt aber eine Erinnerung daran am Pinnbrett an der Wand. „Writing without an editor is like dressing in the dark“, steht da.

An der Wand gegenüber hängen Fotos von Schauspielergesichtern. Georges Moustaki, Hansa Czypionka, Ulrike Krumbiegel, Inka Friedrich, Schauspielergesichter helfen Schütze dabei, sich das Personal ihrer Bücher vorzustellen. An der Wand hängt auch noch der Grundriss eines Parks, ein Foto einer weißen Villa und das von einem Turnschuh.

Das alles, die Dinge, die Orte, die Romanfiguren betrachtet sie beim Schreiben wie durch ein falsch herum gehaltenes Fernglas. Irgendwann kommen die Figuren näher. Irgendwann sind sie dann so nah, dass Schütze mitunter von den von ihr selbst beschriebenen Gefühlen berührt ist. Das ist ihr dann unangenehm, die nächste Zumutung, denn: „Bei mir wird immer schwer gedacht und gefühlt“, sagt sie.

Silke Schütze kann vom Bücherschreiben nicht leben. „Man verdient ja nichts mit Büchern, wenn man keine Bestseller schreibt“, sagt sie. „Und ich schreibe keine Bestseller.“ Sie ist damit keine Ausnahme im Liebesromangewerbe. Trotzdem betreibt sie es. Sie habe das Bücherschreiben immer als etwas Unausweichliches empfunden, sagt sie, eine bessere Erklärung dafür falle ihr nicht ein. 20 000 Exemplare von „Kleine Schiffe“ sind bisher verkauft worden.

Sie hat früher bei einem Filmverleih gearbeitet und war Chefin einer Kinozeitschrift. Sie hat als Producerin an einem Film über den Völkermord an den Armeniern mitgewirkt, der vergangenes Jahr den Deutschen Fernsehpreis und in diesem Frühjahr den Grimme-Preis gewonnen hat. Sie schreibt Drehbücher, führt Regie, und sie sitzt in einer Kinopreisjury. Schütze hat einen gewissen Überblick.

Vielleicht sagt sie genau deshalb, dass es ein Missverständnis sei, Liebesromane für so eine Art Frauentrösterliteratur zu halten. Denn dann müsse man auch Theodor Fontane für einen Frauentröster halten. Wegen „Effi Briest“ und „Frau Jenny Treibel“ zum Beispiel. Doch niemand hält Fontane für einen Frauentröster. Fontane wird für einen Literaten gehalten.

Theodor Fontane. Der Schutzpatron der Liebesromanschriftsteller. Es ist ein bisschen auffällig, wie oft man diesem Mann begegnet, wenn man sich in die Nähe der Frauen begibt, die für den Delia-Preis in die engere Wahl gekommen sind. Frau Schütze sagt das mit dem Frauentröster, und sie sagt auch noch, dass Liebesromane vielleicht besser Sehnsuchtsromane heißen sollten.

In einem Café in Köln-Ehrenfeld, das Sehnsucht heißt, sitzt Stefanie Gerstenberger und sagt: „Meine Mutter, die liest die ,Zeit‘ und zitiert jedesmal, wenn ich mit ihr rede“ – als aufmunternde Kritik gewissermaßen – „Thomas Mann und, na, wie heißt er denn, Fontane.“

In ihrem Garten in Ostfriesland sitzt Jutta Oltmanns und schaut auf ihren frischgepflanzten Birnbaum. Jeder Birnbaum ist ja gewissermaßen ein Fontane-Zitat, und ein solcher Birnbaum kam auch in Rathenow vor. Die Delia-Vereinschefin schenkte ihn jener Liebesromanschriftstellerin, die das Treffen dort organisiert hat. Und Frauke Scheunemann, ebenfalls ansässig in Hamburg, was ein Epizentrum des gegenwärtigen Liebesromanwesens ist, muss gleich los, in die Hauptstadt, eine Freundin besuchen, deren Haus in einer Straße liegt, auf die einst wer von seiner ersten Berliner Wohnung aus einen guten Blick gehabt hat? Genau.

Vielleicht ist das mit Fontane auch alles konstruiert. Bei Nina George jedenfalls findet sich kein einziger Hinweis auf den Herrn. Sie hat gewonnen in Rathenow, „Die Mondspielerin“ sei ein Buch „wie ein französisches Chanson“, befand die Jury, „melodiös, kraftvoll, melancholisch und ein ganz klein bisschen verrucht“. George, Jahrgang 1973, dunkle, kurze Haare, ist barfuß und vor allem sehr geistesgegenwärtig in ihrer Wohnung in Hamburg-Rotherbaum unterwegs, was von Vorteil ist, denn sie schreibt gerade an vier Büchern gleichzeitig. Einsamkeit beim Schreiben? „Sehr schön“, sagt sie, „da nervt einen wenigstens keiner und will was vom Urlaub erzählen.“ Romanentstehung? „Zuerst im Kopf, nicht auf dem Papier. Geht so schnell wie eine Ohrfeige.“ Der Liebesroman an sich? „Hat einen Irrtum zur Grundlage. Menschen fahren auf Illusionen ab.“ Pseudonyme? „Ein paar. Mein Mann hat auch welche.“ Geld? „Ist da.“ Das Schweigen der Feuilletons? „Wir erachten die für so notwendig wie ein Laternenpfahl einen Hund.“ Ansonsten, grundsätzlich zufrieden mit dem Beruf? Der erste Satz in Georges Gewinnerbuch geht so: „Es war die erste Entscheidung, die sie alleine traf.“

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