Überregionales : Die Bahn fährt ins Chaos

Wieder fallen Züge auf der neuen Schnellstrecke Berlin–München aus / Fahrgäste und Experten verärgert

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Deutsche Bahn bekommt die technischen Problemen auf der neuen ICE-Rennstrecke Berlin–München und das Chaos nach dem Fahrplanwechsel nicht in den Griff. Wie schon am Wochenende und Montag fielen auch am Dienstag wieder Züge aus – am fünften Tag in Folge. Fahrgäste berichteten von chaotischen Zuständen und Verspätungen.

Ursache für die Störungen auf der am Freitag im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel eröffneten ICE-Schnellfahrstrecke sind offenbar Probleme bei der neuen, funkbasierten Signaltechnik ETCS. Techniker des Lieferanten Alstom versuchen vor Ort, die Probleme zu beheben. Alstom versprach am Dienstag eine „zügige Bearbeitung“. Die Bahn sprach von einer „spürbaren Stabilisierung“ des Verkehrs, bis zum Nachmittag seien auch die Züge zwischen Berlin und München „ohne größere Verspätungen“ unterwegs gewesen. Die Beseitigung „einzelner ETCS-Störungen an Fahrzeugen macht Fortschritte“.

Kunden und Bahnexperten reagierten mit Unverständnis auf die zahlreichen Pannen. Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisierte das Unternehmen scharf. Zugleich warnten Bahnexperten davor, die zehn Milliarden Euro teure Paradestrecke zwischen Berlin und München könne nachhaltig Schaden nehmen. Planmäßig reduziert sich die Fahrzeit zwischen den beiden Städten von sechs auf vier Stunden. „Es wäre jammerschade, wenn die aktuellen Probleme das Image der neuen Strecke beschädigen würden“, sagte Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, dem Tagesspiegel. Die Bahn-Spitze um Vorstandschef Richard Lutz müsse sich fragen lassen, warum man aus früheren Problemen mit der Signaltechnik nicht gelernt habe. „Wenn es nicht gerade erst einen Wechsel im Vorstand gegeben hätte, wäre dies eine kritische Situation.“

Der Hessische Rundfunk berichtete unter Berufung auf ungenannte Bahn-Mitarbeiter, dass seit der Umstellung auf den neuen Fahrplan am Sonntag täglich zwischen 20 und 40 Verbindungen im Fernverkehr ausgefallen seien. Dem Bericht zufolge war der Fahrplanwechsel mit zu geringen Reserven geplant worden, es fehlten mindestens zehn ICE-Züge, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten. Dies wies die DB zurück. Für den Verkehr auf den neuen ETCS-Strecken stünden 110 ICE-Züge mit der neuen Technologie bereit. „Kurzfristige Ausfälle“ habe es wegen schnee- und eisbedingter Schäden an der ICE-Flotte gegeben.

An diesem Mittwoch tagt der Aufsichtsrat des Schienenkonzerns, die jüngste Pannenserie dürfte auf der Tagesordnung stehen. Auch um die Finanzierung von Stuttgart 21 soll es gehen – eine weitere Großbaustelle des DB-Konzerns.

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