Deutsche Sprache : Eintrittskarte in die Kultur

Malte Lehming

Wer eine Sprache lernt, taucht in ihr Wesen ein. Ihm erschließt sich eine neue Welt. Ein Deutscher, der Französisch lernt, fängt nach einiger Zeit an, Französisch zu denken. Ein Deutscher, der Altgriechisch lernt, fühlt die Antike. Spracherwerb bedeutet Bewusstseinserweiterung.

Das Auswärtige Amt fördert durch seine Goethe-Institute weltweit Sprachkurse für Menschen, die Deutsch lernen wollen. Mehr als 200 000 Interessierte nehmen jährlich daran teil. Ob im Kaukasus oder im Kongo: Die Weiterverbreitung des Deutschen ist ein Staatsziel. Doch die deutsche Sprache, gewissermaßen die Eintrittskarte in die deutsche Kultur, steht von zwei Seiten unter Druck – durch die stetig zunehmende Bedeutung des Englischen als Wissenschaftssprache und durch die allgemeine Reduktion des Ausdrucks durch Kiezsprache, SMS-Sprache, Vertwitterung.

Daher müsste es bei allen, die Deutschland lieben, Jubel auslösen: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik haben so viele erwachsene Menschen Deutsch gelernt wie seit dem Herbst 2015. Natürlich wäre es naiv, von den Neuankömmlingen zu erwarten, sich alsbald in einen zweiten Franz Kafka, Thomas Mann oder Bertolt Brecht zu verwandeln. Aber das tun der friesische Fischer und der bayerische Bauer ja auch nicht.

Was zählt, ist das: Ein Syrer, der Deutsch lernt, nähert sich nicht nur Vokabeln. Ihm öffnet sich die Tür zu der so oft gescholtenen Kulturnation. Er beginnt die Gemeinschaft der Ursprungs-Deutschen zu verstehen. Das befähigt ihn, das Verstandene zu vermitteln. Er wird zum Botschafter Deutschlands. Früher wurden Länder kolonisiert, um die Werte des Christentums, des Abendlandes, der Demokratie zu verbreiten. Heute kommen die Menschen zu uns. Ob aus freien Stücken oder als Flüchtling: Sie lernen Deutsch, sie erweitern ihren Horizont.

Warum freut das keinen? Warum mosern ausgerechnet die, denen nach eigenem Bekunden an der Pflege des Deutschen sehr viel liegt, am lautesten über Menschen, die Deutsch lernen, deutsche Werte vermittelt bekommen? Vielleicht haben die Flüchtlingsgegner ja Angst. Vielleicht befürchten sie, dass jeder, der in die deutsche Sprache eintaucht und die deutschen kulturellen Traditionen kennenlernt, auch deren Schattenseiten sieht. Denn diese zwei Sätze sind ebenfalls wahr. Erstens: Die besten Deutschen wurden von Deutschen gehasst. Zweitens: Die besten Deutschen haben an Deutschland gelitten.

„Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“ Das schrieb Arthur Schopenhauer. „Der Patriotismus des Deutschen besteht darin, dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will.“ Das schrieb Heinrich Heine.

Das Erbe von Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Schopenhauer, Heine, Tucholsky und all der anderen, die im Geiste kosmopolitischer Humanität schrieben, könnten all jene entdecken, die gerade neudeutsch werden. Das bedroht das Fundament derer, die aus vermeintlich patriotischer Gesinnung glauben, ein Deutschtum verteidigen zu müssen. Deshalb wettern sie gegen die Flüchtlinge. Eine andere Erklärung gibt es nicht.