Der Tag, an dem … : … Frankreich seine Mauer-Geheimnisse lüftet

Hans-Hagen BremerD

Sechs Meter – so viel misst die Reihe der Dokumente aus der Zeit des Falls der Berliner Mauer, die das französische Außenministerium in seinem Archiv aufbewahrt. Ab sofort können sich Forscher, Doktoranden oder andere Interessierte durch den Wust von Protokollen, Gesprächsnotizen, Telegrammen oder handschriftlichen Aufzeichnungen wühlen, die die Diplomaten in jenen dramatischen Tagen anfertigten. „In Anbetracht der historischen Bedeutung der Ereignisse wird die Gesamtheit des diplomatischen Archivs aus dieser Zeit fünf Jahre vor Ablauf der sonst üblichen Frist von 25 Jahren geöffnet“, erklärte das Quai d’Orsay.

Was Außenminister Bernard Kouchner als einen Beitrag zum 20. Jahrestag des 9. November 1989 verstanden wissen will, entspringt dem Wunsch, ein für alle mal die Legende zu begraben, dass der damalige Präsident Francois Mitterrand gegen die Wiedervereinigung gewesen sei. An dessen Haltung gab es und gibt es immer noch Zweifel, die sich unter anderem daraus erklären, dass sich Mitterrand gern sibyllinisch ausdrückte. Die Fragen zur Position Frankreichs erhielten neue Nahrung, als das Foreign Office in London sein Archiv aus der Wendezeit öffnete. In einer Notiz über ein Gespräch zwischen Mitterrand und Margaret Thatcher hatte ein britischer Diplomat notiert, dass der Präsident die Sorgen der Premierministerin über die Aussicht auf eine deutsche Wiedervereinigung teilte. Hatte Frankreich damals also doch, wie der Pariser Staatssekretär Pierre Lellouche kürzlich behauptete, eine „historische Chance der Solidarität mit Deutschland“ verpasst?

Auf die Frage, worin die verpasste Chance bestanden hätte, hat Lellouche keine Antwort. Die werden wahrscheinlich auch die Forscher nicht finden, denen jetzt das Archiv des Quai d’Orsay offensteht. Dass sie Beweise für die These Lellouches finden, schließt Maurice Vaisse, der Präsident der Wissenschaftlichen Kommission des Außenministeriums, jedenfalls aus. Er zitiert aus dem Protokoll eines Gesprächs, das der damalige Generalsekretär des Quai d’Orsay, Francois Scheer, am 14. November 1989 mit dem seinerzeitigen Botschafter der DDR, Marter, führte. Darin legte Scheer dem ostdeutschen Diplomaten den Standpunkt Mitterrands so dar: Frankreich sehe die Wiedervereinigung als natürliche Bestimmung des deutschen Volkes und werde sich ihr nicht widersetzen – unter der Bedingung, dass sie demokratisch, in garantierten Grenzen und im Benehmen mit den Vier Mächten erfolge und in eine europäische Perspektive einmünde. So kam es dann ja auch. Hans-Hagen Bremer

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