Der digitale Mensch : Datenchips im Körper

Christian Tretbar

Ein kurzer Pieks. Ein kleiner Schmerz. Fertig. Es dauert keine zehn Minuten, dann ist ein reiskorngroßer Chip unter der Haut implantiert – und das Leben entscheidend verändert. Ärgerliche Alltagssituationen wie vergessene Schlüssel, liegen gelassene Geldbeutel oder abgelaufene Pässe gehören dann der Vergangenheit an. Der Chip, meist in der Fingerkuppe eingepflanzt, überträgt alle notwendigen Daten und befreit von der Last des Erinnerns.

Mittlerweile haben sich Schätzungen zufolge weltweit schon mehrere hundert Menschen derartige Chips einsetzen lassen, gerade erst ein Mediamarkt-Manager auf offener Bühne. Aber welche Folgen hat diese Entwicklung? Schafft der technische Fortschritt mehr persönliche Freiheit oder schränkt er sie ein? Erhöht das die Sicherheit oder wird sie gefährdet?

All das sind wichtige Fragen, die sich nicht pauschal beantworten lassen. Klar aber ist, dass wir mit diesen Fragen konfrontiert werden. Auch wenn solche Chips noch kein Massenphänomen sind, so sind sie doch längst Gegenwart und keine Zukunft mehr. Die Digitalisierung hat den Körper unmittelbar erreicht. Und das nicht mehr nur für einen medizinischen Einsatz, wo ihr Nutzen einigermaßen unumstritten ist. Inzwischen wird die Digitalisierung für uns in jeglicher Hinsicht eine Herausforderung: unmittelbar technisch, kulturell, lebenspraktisch und auch ethisch.

In dem Moment, in dem die Digitalisierung ins Blut geht, in unser Innerstes vordringt, kommen alle Herausforderungen zusammen. Wir müssen Chancen und Risiken aufs Neue diskutieren. Die Frage ist, von welcher Warte aus wir das Ganze betrachten. Machen wir es wie so oft, wenn es in Deutschland um Digitales geht, aus der Position der (häufig unwissenden) Mahner und Skeptiker? Oder versuchen wir, den Chancen eine Chance zu geben?

Die Risiken liegen auf der Hand. Mithilfe dieser Chips lassen sich nicht nur Bewegungsprofile erstellen. Das ist mit dem Smartphone zwar auch möglich, aber das kann man weglegen. Mit solchen Chips lassen sich ganze Körperprofile erstellen. Das Intime wird überwachbar und rekonstruierbar. So kann auch der eigene Körper gehackt werden.

Aber was heißt das: verbieten? Das ist vor allem im internationalen Rahmen unrealistisch. Besser wäre es, so viel Know-how aufzubauen, dass wir den Risiken begegnen können. Die wenigsten technischen Entwicklungen lassen sich aufhalten, viele aber lassen sich steuern. Natürlich sind Politik und Gesellschaft gefordert, über Regeln und Standards zu diskutieren. Am Ende muss jeder individuell entscheiden, wie nah er das Digitale an sich heranlässt. Eine Pflicht zur Implantierung darf es nicht geben, sie wäre das Ende der persönlichen Freiheit. Allerdings fordert niemand das derzeit ernsthaft. Noch nicht. Vorstellbar ist aber, dass Implantate irgendwann den Ausweis ersetzen.

Die Diskussion um Körperchips führt uns einmal mehr vor Augen, wie sehr wir noch am Anfang der Digitalisierung stehen, wie tiefgreifend sie uns noch erreichen wird: mit dem autonomen Fahren, der Künstlichen Intelligenz – oder eben dem Cyborg von nebenan. Das ist allerdings kein gruseliger Science Fiction, sondern Realität. Der müssen wir uns stellen. Um die Debatte darüber ernsthaft und nicht nur angsterfüllt zu führen, sind Erfahrungen und Neugier wichtig. Das Thema sollte im Mittelpunkt auch einer politischen Diskussion stehen. Als Wahlkampfthema taugt es nicht. Denn es geht darum, wie wir unsere Kinder befähigen, diese Diskussionen in den kommenden Jahrzehnten profund zu führen. Wie nehmen wir ihnen die Angst, ohne sie blauäugig in die Zukunft zu schicken? Es geht nicht um Optimismus mit Scheuklappen für die Risiken. Es geht darum, Menschen in die Lage zu versetzen, Chancen und Risiken des digitalen Fortschritts auf der Basis breiten Wissens für sich zu beantworten. Oder anders gesagt: ihre persönliche Freiheit zu nutzen.

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