Überregionales : Bundeswehrsoldat unter Terrorverdacht

28-Jähriger führte offenbar Doppelleben als Offizier und Flüchtling / Verdächtiger war Behörden bekannt und wurde überwacht

Frank Jansen

Berlin - Eine Woche nach der Festnahme des mutmaßlichen Attentäters von Dortmund wird die Bundesrepublik mit einem weiteren bizarren Terrorfall konfrontiert. Die Polizei führte am Mittwoch im bayerischen Hammelburg einen 28-jährigen Offizier der Bundeswehr ab, der ein Doppelleben als Soldat und vermeintlich syrischer Flüchtling führte und mutmaßlich aus Fremdenhass einen Anschlag geplant haben soll, der Asylbewerbern zugeschoben werden sollte.

Ein mutmaßlicher Komplize des Oberleutnants, ein 24-jähriger Student für Wirtschaftsingenieurwesen, wurde auch festgenommen. In seiner Wohnung im hessischen Friedberg habe die Polizei Waffen und Munition für Gewehre entdeckt, sagte die Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen. Einen solchen Fall habe sie noch nicht erlebt, betonte die Oberstaatsanwältin.

Gegen die beiden Männer wird wegen des Verdachts auf die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und auf den Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz ermittelt. Im Fall des Oberleutnants gehe es auch um Betrug wegen eines mit falschen Angaben gestellten Asylantrags, sagte Niesen. Beamte des Bundeskriminalamts sowie der hessischen und bayerischen Polizei hatten am Mittwoch bei Razzien in mehreren Städten, darunter Berlin, nach Beweismaterial gesucht. Durchsuchungen gab es auch in Österreich und Frankreich.

Die Geschichte des Soldaten sei „unglaublich“, hieß es in Sicherheitskreisen. Nach dem Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund, den ein Aktienspekulant verübt und auf Salafisten geschoben hatte, gebe es jetzt schon wieder „einen superskurrilen Fall“. Der Oberleutnant hatte sich nach bisherigen Erkenntnissen im Dezember 2015 bei der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen gemeldet und mit falschem Namen als geflohener Syrer ausgegeben. Im Januar 2016 stellte er im bayerischen Zirndorf einen Antrag auf Asyl, der später auch bewilligt wurde.

„Dass er damit durchkam, ist nicht zu verstehen“, sagte Oberstaatsanwältin Niesen dieser Zeitung. Der Offizier spreche kein Arabisch und nur ein bisschen Französisch, habe einen deutschen Namen und keinen Migrationshintergrund. Der Mann pendelte dann zwischen Gießen und einer Kaserne im elsässischen Illkirch, wo er in einer deutsch-französischen Einheit stationiert war. Zu der Flüchtlingsunterkunft in Gießen sei der Offizier in Zivil gekommen und nicht mit seinem Auto vorgefahren, sagte Niesen.

Auf die Spur des Oberleutnants kamen zuerst die österreichischen Behörden. Der Mann hatte im Wiener Flughafen in einer Toilette eine geladene Pistole des Kalibers 7,65 Millimeter versteckt. Möglicherweise war sie für einen Anschlag vorgesehen. Die österreichische Polizei fand die Waffe und nahm den Offizier fest, als er im Februar die Pistole holen wollte. Der Mann kam wieder frei, stand danach aber unter Beobachtung. Die deutschen Behörden bekamen mit, wo er sich aufhielt und dass er mit dem Studenten kommunizierte. „Es gab Sprüche gegen Flüchtlinge und Ausländer allgemein“, sagte Niesen. Einige Äußerungen erregten den Verdacht, die Männer planten einen Anschlag, der wie die Tat eines Flüchtlings aussehen sollte.

Der Attentäter in Dortmund, Sergej W., hatte mit einem Bekennerschreiben einen islamistischen Hintergrund des Sprengstoffanschlags auf den BVB-Bus vorgetäuscht. „Der Terror bekommt zunehmend auch eine diffuse Komponente“, hieß es in Sicherheitskreisen. Das mache die Arbeit von Polizei und Nachrichtendiensten noch schwieriger. „Wir haben es mit Verrückten zu tun, die nicht in die klassischen Terrormuster passen“, sagte ein Experte.