Überregionales : Bundesanwalt ermittelt in Potsdam

Opfer nach rassistischem Überfall weiter in Lebensgefahr / Polizei veröffentlicht Stimmen der Täter

Potsdam - Generalbundesanwalt Kay Nehm hat sich in die Ermittlungen zu dem rassistischen Mordversuch in Potsdam eingeschaltet. Die Tat sei geeignet, die innere Sicherheit Deutschlands zu gefährden, teilte die oberste deutsche Ermittlungsbehörde am Dienstag mit.

Die Ärzte in Potsdam kämpften gestern weiter um das Leben des 37-jährigen Ermyas M. Nach Angaben der Mediziner erlitt er bei dem Mordanschlag am Sonntagmorgen schwere Schädel- und Hirnverletzungen. Der aus Äthiopien stammende Mann werde deshalb noch einige Tage in künstlichem Koma gehalten. Klinikdirektor Hubertus Wenisch bezeichnete den Zustand des Opfers als stabil. Solange der Mann künstlich beatmet werde, sei er jedoch nicht außer Lebensgefahr. Ermyas M. lebt seit vielen Jahren in Potsdam, der Diplomingenieur promoviert am Institut für Agrartechnik in Potsdam-Bornim.

Der rassistische Überfall auf den Deutsch-Äthiopier könnte auch für die Stadt Potsdam eine erste Konsequenz haben: Der Bund der Allgemeinmediziner und Familienärzte erwägt, seinen für den Herbst in Potsdam geplanten Kongress mit 700 Teilnehmern abzusagen. Wie die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH mitteilte, sei es bislang zu keinen unmittelbaren Stornierungen von Übernachtungen gekommen. Dennoch habe es zahlreiche Anfragen nach der Urlaubssicherheit in Potsdam gegeben.

Die zwölfköpfige Sonderkommission „Charlottenhof“ hatte auch zwei Tage nach der brutalen Attacke auf den zweifachen Vater keine Hinweise auf die Täter. Die Polizei sicherte am Tatort nahe dem Bahnhof Charlottenhof in der Brandenburger Vorstadt zahlreiche Spuren, darunter Finger- und Schuhabdrücke sowie Hautpartikel – also die DNA – der beiden mutmaßlichen Täter. Die Sonderkommission wird voraussichtlich heute aufgestockt. Hintergrund sei eine Vielzahl von Hinweisen, die aus der Bevölkerung eingegangen sind, teilte die Polizei mit. Zudem sind Spezialisten des Brandenburger Landeskriminalamts dabei, den Mailboxmitschnitt technisch aufzubereiten. Der Mitschnitt ist seit Dienstag Abend im Internet zu hören. Das Opfer hatte die Mobiltelefon-Mailbox seiner Frau unmittelbar vor der Tat angewählt, so dass das Verbrechen zum Teil aufgezeichnet wurde. Die Ermittler hoffen, dass jemand die Stimmen erkennt, die Ermyas M. als „Nigger“ beschimpften.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) reagierte mit Bedauern und Bestürzung auf die Tat. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) sagte, die Stadt stehe unter Schock. Das Image der Stadt habe einen nachhaltigen Schaden erlitten. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, verurteilte die Tat und warf der Politik schwere Versäumnisse vor. Fälle wie dieser seien „das Ergebnis einer verfehlten Jugend- und Bildungspolitik“, sagte er gestern. Rechtsradikale hätten gerade unter Jugendlichen erheblichen Zulauf. Dabei würden DVU und NPD in die Lücke stoßen, die der Staat in der Jugendarbeit gelassen habe. „Wer sich nicht um die Jugendlichen kümmert, braucht sich nicht zu wundern, wenn dies NPD oder DVU übernehmen.“

Unterdessen wurde ein erstes Spendenkonto für das Opfer und seine Familie eingerichtet. Am heutigen Mittwoch findet um 19 Uhr in der Potsdamer Friedenskirche eine Fürbitt-Andacht statt.PNN