Überregionales : Bitte keine Ratschläge an Eltern mehr Von Harald Martenstein

Morgens gehe ich mit dem Hund spazieren, meistens nehme ich meinen Sohn mit. Er ist drei. Ich setze ihn in die Rückentrage, weil er das mag, weil er so nicht weglaufen kann, während der Hund sein Geschäft erledigt, und weil ich dann beide Hände frei habe. Ich brauche beide Hände, um die Hinterlassenschaft des Hundes einzusammeln. Nun sprach mich eine ältere Dame an: „Die Trage schnürt ja die Beinchen von ihrem Kind ein.“ Außerdem: „So lernt das Kind ja nie laufen!“ Das Kind kann laufen wie ein munteres Zicklein, und dies seit etwa zwei Jahren.

Manche Leute nehmen sich in der Silvesternacht etwas vor. Gute Vorsätze. Ich habe einen Vorschlag: Nehmen Sie sich vor, Eltern keine Ratschläge zu geben. Ich weiß, Sie meinen es gut. Es gibt in diesem Land wahnsinnig viel guten Willen, zu viel, wenn Sie mich fragen. Tun Sie’s nicht. Es gibt gedruckte Ratgeber in Hülle und Fülle. Wenn Sie selbst kein Kind haben, dann, pardon, haben Sie keine Ahnung, außer vielleicht, Sie sind Kinderarzt. Ich meine das nicht böse. Ich habe keine Ahnung von Geometrie, aber so irre, einem Geometriker das Geometrisieren erklären zu wollen, bin nicht mal ich. Wenn Sie Großeltern sind, ist das alles bei Ihnen lange her. Man vergisst vieles, ich weiß, wovon ich rede. Vielleicht sind Sie engagierte Großeltern und haben tatsächlich Ahnung, aber es ist klug, sich mit Ratschlägen zurückzuhalten, auch mit Kritik.

Wenn man selber Kinder hat, will man sich normalerweise von den Eltern nicht reinreden lassen. Außerdem ist jedes Kind anders, was bei dem einen Kind funktioniert, muss bei einem anderen noch lange nicht funktionieren. Sehen Sie Erziehungsfehler? Sie selber haben bei der Erziehung bestimmt auch Fehler gemacht, ihre eigenen Eltern haben Fehler gemacht, jeder macht Fehler. Und? Sind die Kinderchen nicht trotzdem prächtig geworden? Kinder halten Fehler aus, jedenfalls bis zu einer gewissen Grenze. Bei Misshandlung würde ich eingreifen, auch, wenn die Eltern dem Kind nichts zu essen geben oder es nach dem Baden zum Trocknen über eine Wäscheleine hängen.

Die meisten Leute, die mit ungebetenen guten Ratschlägen um sich werfen, wollen einfach zeigen, wie schlau und kompetent sie sind. Wären sie wirklich sozialkompetent, würden sie darauf verzichten. Im neuen Jahr wollen wir einander keine ungebetenen Ratschläge mehr geben. Dies wäre heute mein ungebetener Ratschlag. Das Leben ist nämlich ein Füllhorn voller Widersprüche.

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