Betrugsverdacht : Luft gebucht

Axel Hilpert ist bisher immer gut davongekommen. Dabei hat er abenteuerliche Geschäfte gemacht. Für die DDR war er Kunsthändler, Devisenbeschaffer und Stasi-Spitzel. Danach baute er das Resort am Schwielowsee auf. Vielleicht auf die krumme Tour

Michael Jürgs Peter Tiede

Auf offener Straßen haben sie ihn gestellt. Mitten in Potsdam. Mitten am Tag. Um 11 Uhr 30 am Donnerstag. Zehn Fahnder des Landeskriminalamtes Brandenburg haben einen Mann festgenommen, der schon viel erlebt hat, aber das noch nicht: Gefängnis.

Das ist neu für Axel Hilpert, den Immobilienhändler, Hotelbesitzer, Unternehmensberater, Ehrenoberst der kubanischen Armee, einstigen Ost-West-Kunst- und Antiquitätendealer der DDR, Ex-Stasi-Spitzel im Inland und hoch angebundenen DDR-Agenten auf Auslandsreisen, der den westlichen Diensten schon zu DDR-Zeiten nicht unvertraut war und der nach der Wende still so einigen Politikern – besonders aus Brandenburg – als Berater und Kontaktvermittler im Ausland zu Diensten war. 1993 stolperte in Brandenburg ein Bauminister über zu enge Kontakte zu Hilpert. Der versuchte gerade, aus einem märkischen Acker vor den Toren Berlins Bauland zu machen. Hilpert kam da raus. Der Minister nicht.

Axel Hilpert ist immer gut herausgekommen. Heerscharen von Spitzeln und Stasi-Ermittlern waren hinter ihm her wegen krummer Geschäfte. Abgebügelt. Nun hat sich ihn die Potsdamer Staatsanwaltschaft vorgeknöpft, seit über einem Jahr ermittelt sie bereits, Hilpert soll sich Landesmittel durch falsche Angaben erschlichen haben. Potsdam hat seinen nächsten Skandal. Die Furcht geht um unter der politischen Elite der Landeshauptstadt, die sich in der Vergangenheit gerne mit dem untersetzten Herrn hatte ablichten lassen. Wie reagiert einer, der gelernt hat, unangreifbar zu sein, und glaubte, mit Spenden, Informationen und Gefälligkeiten Gunst zu erwerben, wenn er das Gefühl bekommt, dass er keinen Schutz mehr genießt? Packt er aus. Schwärzt er an. Zieht er Fäden, die noch keiner sieht?

Schon in der DDR hätte aus dem verdienten Genossen Axel Hilpert viel mehr werden können, eventuell. Bevor es dazu kam, wurden vom Volk alle die verjagt, die ihn hätten befördern können. Nach dem 9. November 1989 hielt sich Hilpert, Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit unter dem IM-Decknamen „Monika“ in der für Spionageabwehr zuständigen Hauptabteilung II zunächst einmal zu Hause auf. Fremden öffnete er nicht in seinem damaligen Haus in Groß Glienicke. Bald jedoch stützte er sich als Immobilienhändler auf seine alten Verbindungen und begann aufzubauen, was man heute sein kleines Imperium nennen kann.

Hilpert gehört zu den erfolgreichen Ruinenbaumeistern in den neuen Bundesländern. Zwischen Berlin und Potsdam kaufte er früh billig Äcker. In Florida vermakelte er schon bald Villen an Deutsche. Und immer wieder flog er nach Kuba. Mal für sich, mal für Politiker und Konzerne. Kuba kannte er. Aber sein Meisterstück sollte das Resort am Schwielowsee werden, laut Eigenwerbung „ziemlich nahe am Paradies“ gebaut. Im Park des Anwesens steht die Statue Theodor Fontanes, nach dem Hilpert seine Hotel-Gesellschaften benannt hat. Sein Teilhaber in der „Theodor Fontane Besitz und Betriebsgesellschaft“ ist Hans-Hermann Tiedje, ehemaliger Chefredakteur der „Bild“-Zeitung.

Investiert wurden rund 45 Millionen Euro, 38 Millionen davon wollte Hilpert vom Staat gefördert bekommen. 34 Millionen wurden schließlich als „förderfähig“ anerkannt. Es gab neun Millionen Förderung von der Europäischen Union und vom brandenburgischen Wirtschaftsministerium, dessen damaliger Chef Ulrich Junghanns (CDU) sich mit Bauten aller Art bekanntlich gut auskannte, sich etwa nicht scheute, noch im Juli 1989 als Nomenklaturkader der Bauernpartei das größte DDR-Bauwerk, die Mauer, zu preisen. Bei der Eröffnung der Hotelanlage 2005 fand er ebenfalls lobende Worte.

Hilperts „Perle in der Havellandschaft“ verschaffte mehr als 100 Menschen Arbeit. Politiker aus der nahen Hauptstadt Berlin haben die Hotelanlage mit Villen im nachempfundenen Key-West-Stil als ideale Stätte ihrer Begegnungen entdeckt. Die Finanzminister der G8-Staaten trafen sich hier 2007, um über die Transparenz von Hedgefonds zu diskutieren. Die SPD legte ein Jahr später an derselben Stelle ihrem Vorsitzenden Kurt Beck den Rücktritt ans Herz. Neben dem Tao-Wellness-Center des Hotels hängt die Bildergalerie der Prominenten, darunter Oskar Lafontaine und Friedrich Merz, Manfred Stolpe und Wolfgang Schäuble, Helmut Kohl und Dietmar Bartsch. Im Hemingway gewidmeten Restaurant „Ernest“ konkurrieren die Köche mit dem unschlagbaren direkten Blick auf den See, auf Yachten und die reglos auf Beute wartenden Fischreiher.

Nun sagen die Ermittler, Hilpert habe betrogen, Projektkosten künstlich hoch gerechnet, um am Ende über Provisionen von den Baufirmen kassieren zu können. Hilpert, der zu DDR-Zeiten alles besorgen konnte – selbst Westwagen – soll auf diese Weise zu seinem erforderlichen Eigenkapitalanteil an der Hotelinvestition gekommen sein. Die neun Millionen Euro Fördergelder, die das Land dazuschoss, basierten auf Luftrechnungen.

Noch ist es nur ein Verdacht. Er trifft einen Mann, dessen anderes Leben tief vergraben ist. Zwischen 1974 und 1989 hat Hilpert viele Berichte fürs MfS über das Leben anderer geschrieben, aber was da drinsteht, lässt sich nicht mehr überprüfen. Die Originalakte des IM „Monika“ wurde im Dezember 1989 von seinem Führungsoffizier höchstpersönlich vernichtet, etwas findet sich in Vorgangsbüchern und vor allem in Opferakten.

Monika, so hieß eine Frau, die am Steuer eines Opel Rekord mit Münchner Kennzeichen saß, den Hilpert mal auf der Autobahn überholte. Man verständigte sich von PKW zu PKW, traf sich in der Raststätte Hermsdorfer Kreuz und trank Kaffee zusammen. „Wir stellten uns vor, quatschten ein bisschen, tauschten Adressen aus und winkten uns nach einer halben Stunde zum Abschied zu. Sie rauschte nach München, ich nach Suhl“, beschreibt Hilpert in Notizen für eine Autobiografie, die nie erschien, diese Begegnung. Angeblich war sie beim CIA, sein erster Auftrag lautete, ihre Absichten auszuforschen.

Seit damals, 15 Jahre vor dem Mauerfall, sei seine „innere Distanz zum MfS“ beständig gewachsen, was er offenbar geschickt geheim hielt. Denn seine Dienstherren merkten nichts davon, förderten und beförderten ihn. Als eine andere MfS-Abteilung ihn wegen angeblich halbseidener Geschäfte im Operativen Vorgang „Korruption“ ausgespäht und abgehört hatte, befahl Generalleutnant Neiber Abbruch der Aktion, weil Hilpert als „Monika“ für das Ministerium wichtiger war als in seinem Hauptberuf.

Der gelernte Schlosser Hilpert gehörte maßgeblich zum Devisenbeschaffungs-Reich der Kommerziellen Koordinierung (KoKo) von Alexander Schalck- Golodkowski. Nicht nur als IM, auch im ganz besonderen Handel mit Kunst und Antiquitäten war Hilpert bis zum Ende der DDR eine Stütze des Systems.

Von Kunst und ihrem Wert an sich verstand Hilpert zwar nicht viel, wohl aber von ihrem Preis. Er kaufte im Auftrag von KoKo auf, was sich im Westen zu den von der DDR stets benötigten harten Devisen machen ließ, hauptsächlich Möbel, Gemälde, Antiquitäten. Ein Lager hatte er in einer Scheune in Potsdam-Bornstedt – direkt hinter Sanssouci. Bei der Tante des Modeschöpfers Wolfgang Joop. Als dem in Hamburg einst bei einem Einbruch Meißner Porzellan geklaut wurde, schickte Hilpert ein neues altes Service aus dem Osten an den kunst- und sammelbegeisterten Designer.

Abenteuerlich waren seine Unternehmungen stets. Schon vor der Maueröffnung dachte er an die Öffnung der Glienicker Brücke für Westdeutsche Geschäftsleute, inklusive Villen und Büros auf Potsdamer Seite. Und auf Kuba gründete er eine Art Joint Venture zwischen Schalcks Truppen und dem Kubanischen Staat. Hilpert vertickte Oldtimer von Kuba via Mexiko in die USA oder verkaufte historische Waffen, die Amerikaner bei ihrer Flucht vor der Castro-Revolution auf Kuba zurückgelassen hatten. Die DDR ließ auf der Insel Blechspielzeug dengeln, das als historisches in westeuropäischen Auktionshäusern verkauft wurde. Hilpert öffnete Kuba – zusammen mit einem Westberliner Geschäftsmann – großen westdeutschen Touristikkonzernen. Die Inselsozialisten bekamen Hotels und Touristen, die DDR strich die Provisionen ein, Hilpert wurde Ehrenoberst der kubanischen Armee. 

Schon auf seinem ersten Flug auf die Insel hatte er bei Zwischenstopp in Neufundland, wie er einmal erzählte, kurz überlegt, abzuhauen. Er ließ es sein und fiel durch kritische Äußerungen auch später nie auf, obwohl er immer Zweifel gehabt haben will: „Wenn ich allerdings eine halbe Pulle intus hatte, habe ich ohne Probleme auf den Weltsozialismus angestoßen. Dann hatte ich die richtige Leck-mich-am- Arsch-Stimmung, um auf Meuterei oder Erklärungen, was wirklich wichtig sei im Leben, zu verzichten. Geradezu unerträglich wurden mir die sogenannten Informationsgespräche. Da bekam man als IM den Auftrag, ein Opfer unter Ausnutzung aller Vertraulichkeit in eine konspirative Wohnung zu locken. Hier musste ich den Betreffenden aushorchen, während nebenan alles aufgezeichnet und meist noch an Ort und Stelle vom Führungsoffizier ausgewertet wurde.“

Verraten würde er die alten Kameraden aber nie. Obgleich er sie „miese Kreaturen“ nennt. Mies war das Geschäft allemal, in dem er sich betätigte. Nicht nur, dass Hilpert und Konsorten privaten Kunstsammlern in der DDR für ein begehrtes Objekt im Tausch Einkaufsschecks für die Intershops anboten oder zum Beispiel ein Auto, auf das man zehn Jahre hätte warten müssen. An solchen Tauschgeschäften verdienten sie je nach D-Mark-Kurs und Devisenrentabilität zwischen 150 und 300 Prozent. Im Jahre 1988 fiel ein Reingewinn von 982 000 D-Mark an. Darüber hinaus griffen sie zum bewährten Mittel der kalten Enteignung. Erst kamen die Kunstfahnder, dann rückten die Steuerfahnder an. Angeblich sei beim Verkauf eines bestimmten Gemäldes oder eines Möbelstücks keine Einkommensteuer bezahlt worden, hieß es dann. Die betrug 90 Prozent des entsprechend hoch geschätzten Wertes. Kein Sammler konnte diese Summe Bargeld aufbringen, der Besitz wurde beschlagnahmt, ein Strafverfahren eingeleitet wegen Steuerhinterziehung und das Urteil schnell gesprochen.

Insgesamt gab es wohl mehr als 100 solcher Fälle zwischen 1984 und 1989. Einer ist das Schicksal des Sammlers Werner Schwarz aus Rathenow. Der wurde mit Handschellen gefesselt zum Verhör abgeholt. Als er einen Anwalt verlangte, bekam er zur Antwort: „Wir sind doch hier nicht im Westen.“ Seine Sammlung wurde beschlagnahmt und versilbert. Wegen Steuerstraftaten ist Werner Schwarz zu fünf Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden, durfte dann im Zuge der Häftlingsfreikäufe in den Westen übersiedeln. Auch an diesem Deal, bei dem 70 000 D-Mark „Kopfgeld“ fällig waren, verdienten die staatlichen Devisenhändler.

Lothar de Maizière ging nach dem Umbruch für seinen Mandanten mit der Klage auf Wiedergutmachung durch alle Instanzen, bis er schließlich gewann und die Erben von Schwarz, der die späte Wiedergutmachung nicht mehr erleben durfte, vom DDR-Rechtsnachfolger Bundesrepublik Deutschland entschädigt wurden. Vielleicht werden sie die Verhaftung Axel Hilperts als einen späten kleinen Sieg der Gerechtigkeit empfinden.

Axel Hilpert hat einen Lieblingsstrand auf Kuba. Guardalavaca heißt der – Hüte die Kuh. Ob Hilpert da vorläufig noch einmal hinkommt, ist offen. Sollte er angeklagt und verurteilt werden wegen schweren Subventionsbetrugs, dann drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Vorläufig sitzt er fest in Brandenburg. Im Gefängnis von Wulkow bei Neuruppin. In dem Kuhdorf hüten sie nun Hilpert. Und er seine Geheimnisse.

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