Überregionales : Berlins Juden rufen zum Tragen der Kippa auf

Solidaritätsaktion am Mittwoch geplant. Zentralrat sieht neue Qualität des Antisemitismus in Deutschland. Solidarität aus Potsdam

Michael Schmidt Sylvia Vogt

Berlin - Nach dem mutmaßlich antisemitischen Angriff in Berlin ist die jüdische Gemeinschaft in Sorge. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, spricht von einer neuen Qualität des Antisemitismus. Der Berliner Rabbiner Daniel Alter beklagt einen zunehmend aggressiveren Judenhass. Auch nach Ansicht des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, tritt der gegenwärtig immer verrohter auf. Klein führt das zurück auf unter anderem „eine Verschiebung roter Linien auch in der normalen politischen Auseinandersetzung: Was vor Jahren tabu war, wird heute unverhohlen geäußert – und das motiviert die Ränder zu solch offenen Übergriffen“.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte dieser Zeitung, er sei nicht bereit, „den abscheulichen Anstieg antisemitisch motivierter Taten“ hinzunehmen.  Jüdisches Leben stehe „angesichts unserer Geschichte unter besonderem Schutz unseres Staates und unserer Zivilgesellschaft. Das hat jeder und jede zu respektieren, egal welcher Herkunft“.

Die Jüdische Gemeinde Berlin ruft für kommenden Mittwoch zu einer Solidaritätsaktion unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ auf. Zu der Kundgebung in der Fasanenstraße in Charlottenburg, die um 18 Uhr beginnt, sind alle Berliner eingeladen, um ein Zeichen gegen Intoleranz zu setzen. Ein breites Bündnis unterstützt die Aktion, dazu gehören Politiker wie der Regierende Bürgermeister, Kirchen, Verbände, jüdische Organisationen und die israelische Botschaft. „Nach dem jüngsten Angriff auf einen Kippa tragenden Israeli haben uns zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Berliner Bevölkerung erreicht. Darunter waren auch Berliner, die vorgeschlagen haben, künftig aus Solidarität eine Kippa tragen zu wollen“, sagte Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Der Antisemitismusbeauftragte Klein begrüßt die Aktion. Er wünsche sich aber, dass der symbolischen Geste weitere Schritte folgten. Dazu gehöre „eine stärker sichtbare Integration jüdischen Lebens in unseren Alltag“ – und anzuerkennen, dass Antisemitismus „kein jüdisches Problem ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches, das uns alle angeht“.

Auch Potsdams Juden zeigen sich solidarisch. Ud Joffe von der Potsdamer Synagogengemeinde sagte den PNN, man erwäge, hier eine ähnliche Aktion durchzuführen. Noch sei allerdings nichts spruchreif. In Potsdam sei die Lage indes entspannter, als in großen Städten wie Berlin, in denen Kulturen viel stärker aufeinanderprallten: „Wir tragen hier die Kippa ohne Angst“, so Joffe.

Bereits vor einem Monat hatten Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, und Susanne Krause-Hinrichs, die Geschäftsführerin der F.C. Flick Stiftung, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz wegen des zunehmenden Antisemitismus entsprechende Antisemitismusbeauftragte auf Länderebene gefordert. Diese könnten als Ansprechpartner für Betroffene fungieren, so die Experten. Außerdem sollen Polizisten, Lehrer und Juristen in Schulungen sensibilisiert werden.

Am Dienstag waren zwei Männer, die die jüdische Kopfbedeckung trugen, von einem Arabisch sprechenden Mann angegriffen worden. Auf einem Handyvideo, das eines der Opfer gefilmt hat, ist zu sehen, wie einer der mutmaßlichen Täter mit einem Gürtel auf den Filmenden einschlägt und ihn wiederholt als „Yahudi“ (Arabisch für „Jude“) bezeichnet. Am Donnerstag stellte sich einer der mutmaßlichen Täter. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um einen 19-Jährigen, er soll Palästinenser aus Syrien sein. In einem auf Facebook veröffentlichten Video bestreiten er und ein weiterer Tatverdächtiger antijüdische Motive des Angriffs. „Wir sind nicht feindlich gegenüber Juden. Wir sind keine Antisemiten“, erklärten sie in dem Video. Gegen den mutmaßlichen Täter wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. (mit vab)

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