Berlinale : Die Bilder sind frei

Christiane Peitz

Wie wär’s mit einem schwarzen Teppich statt einem roten, als Zeichen für MeToo? Sollen Frauen beim Schaulaufen am Potsdamer Platz sich nicht nach eigener Façon schön machen? Weniger High Heels und Dekolletés, bunter, bequemer, schriller? Täglich eine neue Initiative, ein neuer Appell, eine neue Kampagne, dabei wird die Berlinale erst an diesem Donnerstag eröffnet. Und die Debatte um die Nachfolge des im Mai 2019 scheidenden Festivalchefs Dieter Kosslick gibt es auch noch.

Zehn Tage steht Berlin wieder im Zeichen der Berlinale. Zur Eröffnung läuft Wes Andersons „Isle of Dogs“, ein Hundefilm – in schöner Kontinuität zu den vielen Beiträgen 2017, die nach der Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten fragten, anhand von Tieren. Und gewiss werden die heißen aktuellen Themen auch auf dem Festivalgelände kursieren: Das ist die Berlinale ihrem Ruf als politisch wache Veranstaltung schuldig, 50 Jahre nach ’68.

Diesmal sind es nicht nur Migration, Trump und Spätestkapitalismus, sondern auch Weinstein, Wedel und MeToo. Glamour und Politik. Die Quotenfrage. Der respektvolle Umgang am Set. Frauenbilder. Gleichzeitig geht die Sorge um die Zukunft des Kinos um, angesichts von Youtube und Netflix. Längst präsentiert die Berlinale auch Serien, Steven Soderbergh zeigt einen komplett auf dem Smartphone gedrehten Film. Die Berlinale-Debatte selber wird wohl auch nicht ausgespart bleiben, nach all dem „Dieter-Bashing“ („The Hollywood Reporter“) im Winter. Muss das Festival nach Kosslicks Amtsende entschlackt und erneuert werden, wie 80 Filmschaffende es forderten?

Hey, es ist ein Filmfestival möchte man rufen, hier gilt’s den Bildern, dem Kino, der Kunst. Es wäre traurig, wenn all die Appelle, Fehden und auch Intrigen die Berlinale vollends überschatten. Und wenn die Diskussionen immer wieder von Un- und Halbwahrheiten, von gefährlichen Vereinfachungen dominiert würden. Manches kann man nicht oft genug klarstellen.

Erstens. Die Berlinale ist mit einer halben Million Besuchern das größte Publikumsfestival der Welt, in einer internationalen Metropole, mit einem künstlerischen Wettbewerb im Zentrum. Das gibt es nirgends sonst. Seit Montag steht das Publikum wieder Schlange vor den Ticketschaltern, laut Forsa-Umfrage wollen die Besucher nicht weniger, sondern mehr Tickets. Wer „entschlacken“ will, wer es überschaubar will, der stößt eben dieses Publikum vor den Kopf. Cannes oder Venedig als Maßstab? In Cannes prägen die unselige Tradition französischer Arroganz und amerikanische Geschäftstüchtigkeit die Atmosphäre. In Venedig laufen Löwen-Anwärter vor halbleeren Sälen.

Zweitens. Bei fast 400 Filmen kommen nicht nur Meisterwerke nach Berlin. Aber jede einzelne Produktion wurde von Programmmachern ausgewählt, quer durch alle Sektionen. Wer qualitativ bessere Filme möchte, sollte nicht Kuratoren fordern, als gäbe es keine, sondern sich mit den jetzigen Programmchefs über deren Auswahl streiten. Immer wieder wird die Qualität des Wettbewerbs angezweifelt: Zwei Bären-Anwärter von 2017 sind gerade für den Auslands-Oscar nominiert – genauso viele wie aus Cannes.

Drittens. Monika Grütters hat viel kostbare Zeit bei der Nachfolgesuche verloren. Längst hätte sie international ausschreiben müssen. Erst jetzt eine Expertenrunde als Findungskommission? Nicht einmal die Frage der Arbeitsteilung ist geklärt, dabei ist eine Doppelspitze mit geschäftlicher und künstlerischer Leitung überfällig, wie in Cannes und Venedig.

Viertens. MeToo sollte und wird hoffentlich die Realität verändern. Aber bitte nicht die Fantasie. Die Fantasie ist nicht respektvoll. Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung, Rassismus, Sexismus, all das findet statt – auf der Leinwand. Wo sonst sollen wir in die eigenen Abgründe schauen. Und Künstler sind keine besseren Menschen, wer auf einem Festival nur Werke von unzweifelhaft integren Filmschaffenden zeigen will, kann einpacken. Was mieses Verhalten in keiner Weise entschuldigt. Aber die Fantasie hält sich nicht an die Moral. Das gilt es zu verteidigen, auch und gerade auf der Berlinale.

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