Überregionales : Bahn stoppt Ticketverkauf in Regiozügen

VBB-Fahrscheine müssen vor Fahrtantritt gekauft werden. Jeder dritte Bahnhof Brandenburgs ohne Automat

Berlin/Potsdam - Nach dem Chaos bei der S-Bahn droht im Nahverkehr der Hauptstadtregion neuer Frust für Fahrgäste. Dass die Deutsche Bahn AG (DB) in ihren Regionalzügen in Brandenburg und Berlin ab 9. Dezember 2012 das Nachlösen von Tickets beim Schaffner abschaffen und von Kunden ohne Fahrkarte 40 Euro Strafe kassieren will, alarmiert jetzt die Politik. Nach PNN-Recherchen gibt es zudem an jedem dritten Bahnhof in Brandenburg gar keine Ticket-Automaten – und in den DB-Regiozügen im Gegensatz zu Linien anderer Anbieter im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) auch nicht. Auch der regionale Fahrgastverband Igeb sowie die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (Odeg), die im Land mehrere Linien bedient, halten die Änderungen für unausgegoren und erwarten Klagen und Beschwerden von Fahrgästen.

„Die Deutsche Bahn AG muss dafür sorgen, dass die Menschen Tickets erwerben können – dann muss sie eben investieren“, sagte Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) den PNN. „Wir werden das genau beobachten. Wir erwarten entsprechende Investitionen.“ Betroffen wären auch hoch frequentierte Linien wie der RE1 von Cottbus über Berlin nach Magdeburg. Ausnahmen soll es nur geben, wenn es am Bahnhof weder eine durch Mitarbeiter besetzte Verkaufsstelle noch einen funktionierenden Automaten gibt. Dann müssen die Betroffenen sofort einen Zugbegleiter aufsuchen.

Der Verkehrsexperte der CDU-Fraktion im brandenburgischen Landtag, Rainer Genilke, und der CDU-Bundestagsabgeordnete aus der Uckermark, Jens Koeppen, appellieren deshalb in einem offenen Brief an die drei Gesellschafter des VBB, Brandenburg, Berlin und 18 brandenburgische Kommunen, von der Strafgebühr Abstand zu nehmen. „Wer Schwarzfahrer rausfischen möchte, muss die Bahnbediensteten motivieren, regelmäßig durch den Zug zu laufen, statt Frauen mit Kinderwagen, gehbehinderte oder ältere Personen zu verpflichten, den Zugbegleitern durch alle, teilweise zweigeschossigen Waggons hinterherzulaufen“, so Koeppen und Genilke am Montag. Zudem werde quasi jeder zum Schwarzfahrer gemacht, meinte Koeppen. „Die Beweislast wird umgekehrt.“ Die Bahn müsse entweder Automaten in ihren Zügen aufstellen oder viele Bahnhöfe im Land nachrüsten.

Der Grünen-Verkehrsexperte im Landtag, Michael Jungclaus, sprach am Montag ebenfalls von einer kundenfeindlichen Regelung. „Sie verunsichert die Fahrgäste, weil es letztlich von der Interpretation des Zugpersonals abhängt, ob eine Strafzahlung geleistet werden muss oder nicht.“

Die Deutsche Bahn war für eine Stellungnahme nicht zu bekommen. Matthias Stoffregen, Bereichsleiter Tarif beim VBB, verteidigte die Pläne am Montag. „Ein Zugbegleiter hat doch nichts davon, einem Kunden 40 Euro abzuknöpfen“, meinte er. Die Unternehmen seien schließlich auf Fahrgäste angewiesen. „Bei einem Kunden, der offensichtlich nicht in der Lage ist, den Zug sofort zu durchsuchen, haben die Zugbegleiter einen Ermessensspielraum“, versicherte Stoffregen.

Igeb-Vorstand Jens Wieseke sieht trotzdem „zahlreiche Streitfälle mit Kunden“ auf die Unternehmen zukommen. Während technische Störungen eines Automaten gemeldet werden, sei der klassische Vandalismus-Schaden, etwa der Kaugummi im Münzeinwurf, im Zug kaum zu beweisen, warnte er. Zudem gebe es an rund einem Drittel der Bahnhöfe in Brandenburg gar keine Automaten.

Auch Arnulf Schuchmann, Sprecher der Odeg-Geschäftsführung, sieht reichlich Zündstoff. Denn überregionale DB-Tickets dürften schließlich weiter an Bord verkauft werden. „Was machen wir mit einem Fahrgast, der im VBB-Gebiet ohne VBB-Ticket fährt, kontrolliert wird, dann aber sagt, er möchte ein DB-Ticket kaufen, das ihn günstiger als die 40 Euro Strafe kommen würde? Das wird noch viel Ärger geben“, sagte Schuchman den PNN.