• Ausbau der Kennzeichenerfassung: Autodiebe klauen mehr in Deutschland als in Polen

Ausbau der Kennzeichenerfassung : Autodiebe klauen mehr in Deutschland als in Polen

In ganz Deutschland ist die Zahl der Autodiebstähle in den vergangenen Jahren rapide gestiegen.

Alexander Fröhlich

Potsdam -  Inzwischen ist das Risiko eines Autoklaus hierzulande sogar weitaus größer, als es noch vor Jahren bei einem Besuch in Polen war. Seit dem Beitritts Polens zum EU-Schengenraum Ende 2007 nahm dort der Diebstahl deutscher Wagen rapide ab – und in Deutschland selbst deutlich zu. Das geht aus einem internen Lagebericht für die Innenministerkonferenz hervor, die sich heute im mecklenburgischen Göhren-Lebbin mit dem grenzüberschreitendem Autodiebstahl befasst.

Wörtlich heißt es in dem als Verschlusssache gekennzeichneten Papier, das den PNN vorliegt: „In Verbindung mit dem auffälligen Rückgang der Auslandsentwendungen insbesondere in Tschechien und in Polen wird angenommen, dass eine Verlagerung der Entwendungstaten vom Ausland nach Deutschland hin stattgefunden hat und die Erweiterung des Schengenraums und der damit einhergehenden Ausnutzung des Wegfalls der stationären Grenzkontrollen an den deutschen Grenzen zu Polen und Tschechien hierfür wesentlich ursächlich sein dürfte.“

Die deutschen Sicherheitsbehörden verzeichneten von 2007 bis 2011 einen Anstieg bei Autodiebstählen von 22,5 Prozent – als fast um ein Viertel. 2008, also im Jahr nach der Erweiterung des Schengenraums, stieg die Zahl gestohlener Wagen erstmals seit 1993 wieder – und das nicht nur im Osten Deutschlands, dort aber besonders. Für Brandenburg und Sachsen ist für die Zeit von 2007 bis 2011 ein Anstieg um 100 Prozent verzeichnet – eine Verdopplung. In Brandenburgs Grenzregion liegt der Zuwachs bei 275 Prozent. Betroffen ist aber auch der gesamte Ballungsraum Berlin, in der Bundeshauptstadt werden die meisten Autos geknackt und entwendet. Und es sind deutlich mehr als in Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland, wo die meisten Autos überhaupt zugelassen sind. Die Polizei stellte in Berlin eine Zunahme um knapp 60 Prozent fest. Betroffen ist auch Norddeutschland, besonders Hannover und Hamburg und Teile von Nordrhein-Westfalen, hier besonders häufig in Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen und die Grenzgebiete zu Belgien und Frankreich. Allein für Hamburg registrierten die Behörden einen Anstieg von fast 80 Prozent, für Mecklenburg-Vorpommern 45 Prozent und Schleswig-Holstein 34 Prozent.

Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) und der Länderbehörden werden die meisten gestohlenen Autos nach Polen und weiter nach Osteuropa, sogar bis in die zentralasiatischen Länder Tadschikistan und Usbekistan gebracht. Es gibt Auftraggeber, die die Wagen etwa über Internetbörsen aussuchen, Hehler, Diebe und Fahrer, aber auch Späher und Lotsen. „Den Gruppierungen stehen Überwindungstools für Wegfahrsperren auch neuester Technik zur Verfügung“, heißt es im Lagebericht. Denn diese Werkzeuge gibt es auch in Internet. Besonders beliebt bei den bestens ausgerüsteten und technisch versierten Banden sind die Marken Audi, BMW und VW. Immer beliebter werden auch ausländische Marken wie Toyota und Skoda.

Der Lagebericht birgt für die Debatte zwischen Bund und Ländern um den Kampf gegen die grenzüberschreitende Kriminalität einigen Sprengstoff. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat ein stärkeres Engagement des Bundes, wie es Brandenburg gefordert hatte, entlang der Grenze zu Polen abgelehnt und auf die Zuständigkeit der Länder verwiesen. Der Bericht zeigt nun, dass nicht nur der Osten, sondern auch Länder im Westen damit zu kämpfen haben.

Auf ihrer Konferenz wollen die Innenminister heute einen Maßnahmekatalog beschließen, dazu gehört auch ein Datenabgleich. Denn die Länder verfügen für die interne Erfassung von grenzüberschreitendem Autoklau noch nicht einmal über eine einheitliche Kennzeichnung und eine gemeinsame Definition. Zudem soll der Einsatz der elektronischen Kennzeichenerfassung an Autobahnen erweitert werden. Für den Kampf gegen Autoschieberbanden sollen dazu eigene gesetzliche Regelungen getroffen werden.

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