Überregionales : Aufstand der Mathelehrer

Brandbrief von mehr als 130 Professoren und Lehrkräften kritisiert mangelnde Qualität des Unterrichts

Anja Kühne Amory Burchard

Berlin - Rund 130 Professoren und Mathematiklehrkräfte kritisieren in einem offenen Brief massiv die Qualität des Mathematikunterrichts. Der Schulstoff sei so weit ausgedünnt worden, „dass das mathematische Vorwissen von vielen Studienanfängern nicht mehr für ein WiMINT-Studium ausreicht“, schreiben sie. Die Abkürzung WiMINT steht für Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. „Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung (!), Potenz- und Wurzelrechnung, binomische Formeln, Logarithmen, Termumformungen, Elementargeometrie und Trigonometrie“, erklären die Erstunterzeichner.

Die Ursache dafür sehen sie in den bundesweit geltenden Bildungsstandards. Diese waren in den Jahren nach dem Pisa-Schock im Jahr 2001 sukzessive für verschiedene Kernfächer eingeführt worden, als bundesweite Messlatten für Schülerleistungen. Zugleich sollten sie den Unterricht so verändern, dass die Schüler Wissen nicht bloß reproduzieren, sondern anwenden können. Eben diese „Kompetenzorientierung“ machen die Unterzeichner nun aber verantwortlich für die von ihnen gesehene „Entfachlichung“ des Mathematikunterrichts.

Der Brief mit dem Datum 17. März ist unter anderem adressiert an die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, sowie an die Bildungsminister von Niedersachsen, Hamburg und Hessen, an Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sowie an mehrere Bildungsforscher, darunter Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Das an der Berliner Humboldt-Universität angesiedelte IQB entwickelt die Bildungsstandards und führt die großen Ländervergleiche durch, mit denen ihre Einhaltung überprüft wird.

IQB-Direktorin Petra Stanat erklärte auf Anfrage, bestimmt fehlten vielen Studierenden Basiskompetenzen. Allerdings hänge dies nicht mit den Bildungsstandards zusammen: „Dass dies etwas mit der Kompetenzorientierung im Schulunterricht zu tun hat, widerspricht den empirischen Befunden“, sagte Stanat. Sie berief sich auf die Ergebnisse der Pisa-Studie: Im Jahr 2000 waren die deutschen Ergebnisse in Mathematik im internationalen Vergleich schwach. Damals gab es die Bildungsstandards aber noch gar nicht, wie Stanat betonte: „Erst nach ihrer Einführung haben wir in Mathematik allmählich Leistungssteigerungen gesehen.“

Auch aus der Sicht der Kultusministerkonferenz (KMK) geht die Kritik an der Kompetenzorientierung „ins Leere“. Sie sei durch Fachwissenschaftler, Fachdidaktiker und Bildungswissenschaftler aufgebracht worden, erklärte KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (CDU) auf Anfrage. Weil zudem die neuen Aufgaben von Mathematikern entwickelt wurden, „ist dieser Brief auch eine Kritik an der eigenen Zunft“. Gleichwohl werde sich die KMK „die Zeit nehmen, die Zusammenhänge aller Inhalte des offenen Briefes zu prüfen“. Bildungsministerin Wanka wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.