Antisemitismus : Alle Menschen haben Rechte

Malte Lehming

Es kommt in diesem Jahr, just zu dieser Zeit, ziemlich viel zusammen. Das schärft die Sinne. Der 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, die Echo-Preis-Verleihung, der 75. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto, die anhaltende Debatte über arabisch-muslimischen Antisemitismus von Einwanderern. Da überrascht es nicht, dass der antisemitisch motivierte Angriff auf einen arabischen Israeli in Berlin, der sich als Experiment eine Kippa aufgesetzt hatte, einen besonders großen Nachhall hat.

Unisono wird die Tat verurteilt. Die Bundeskanzlerin ist empört und verspricht „volle Härte“. Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann betont: „Das Judentum gehört zu Deutschland.“ Getrieben wird die Politik von Leitartiklern, die „Deutschland als Weltmeister der Lippenbekenntnisse“ anprangern. Das alles ist gut und richtig und zeigt, dass die gesellschaftlichen Reflexe funktionieren. Niemand darf in Deutschland aufgrund seiner Religion diskriminiert, beleidigt oder gar tätlich angegriffen werden.

Allerdings wünscht man sich, dass der Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung alle Glaubensgemeinschaften umfasst. Schließlich geht es um ein Prinzip – das der freien Religionsausübung. Es geht um ein Menschenrecht, den Schutz und das Selbstbestimmungsrecht aller Gläubigen. Wer da mit zweierlei Maß misst, beansprucht Partikularinteressen für sich. Das wiederum lässt sich auch als eine Form der Diskriminierung verstehen, zumindest der Einseitigkeit.

Wo ist der Aufschrei, wenn muslimische Frauen in Deutschland wegen ihres Kopftuches attackiert und beschimpft werden, noch dazu mit einem Kind an ihrer Seite? Es gibt Dutzende solcher Fälle. Wo ist der Aufschrei, wenn Moscheen in Brand gesteckt werden? Wo ist der Aufschrei, wenn Flüchtlinge, die zum Christentum konvertiert sind, verprügelt werden? Und zuletzt: Ist es eigentlich gefährlicher, als Mann mit einer Kippa durch eine deutsche Stadt zu laufen oder als Frau mit einem Kopftuch?

Im Jahr 2017 wurden, laut Bundesinnenministerium, 1495 politisch motivierte Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verübt, 1069 mit islamfeindlichem Hintergrund und 127 mit christenfeindlichem Hintergrund. Zu Recht in den Fokus geraten ist der Antisemitismus unter muslimisch-arabischen Einwanderern. Dagegen wird die wachsende Islamfeindlichkeit, die innerhalb der deutschen Gesellschaft diagnostiziert wird, kaum kritisiert und zum Teil sogar als Bestätigung der eigenen islamfeindlichen Vorurteile angeführt. So etwa, wenn die CSU zum Beweis der Richtigkeit ihres Slogans „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ Umfragen anführt, in denen eine Mehrheit der Deutschen der Partei in dieser Hinsicht zustimmt.

Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Seit vielen Jahren hält sich dieser Wert recht konstant. Auf große Zustimmung stößt vor allem der Satz: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ Vierzig Prozent der Deutschen bejahen diese Form eines israelbezogenen Antisemitismus. Aber käme irgendeiner auf die Idee, das hohe Maß an Zustimmung als Beweis für die Richtigkeit der Behauptung zu werten? Natürlich nicht.

Diskriminierung macht krank. Wenn nicht alle ihre Formen mit vergleichbarer Verve verurteilt werden, kann das Gefühl entstehen, selbst als Opfer noch ungleich behandelt zu werden.

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