Überregionales : Anschlag auf BVB-Bus wohl aus Habgier

Tatverdächtiger Deutschrusse soll auf fallenden Aktienkurs des Fußballvereins spekuliert haben

Frank Jansen

Berlin - Zehn Tage nach dem Anschlag in Dortmund hat die Polizei offenbar den Täter gefasst. Die Spezialeinheit GSG 9 nahm am Freitagmorgen nahe Tübingen den 28 Jahre alten Deutschrussen Sergej W. fest. Er soll aus Habgier den Angriff verübt und einen islamistischen Hintergrund vorgetäuscht haben. Ihm werde „versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt“, teilte die Bundesanwaltschaft am Freitag mit. Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs erließ auf Antrag der Bundesanwaltschaft Haftbefehl.

Am Abend des 11. April waren nahe dem Hotel „L’Arrivée“ drei mit Metallstiften präparierte Sprengsätze explodiert, als der Bus mit der Fußballmannschaft von Borussia Dortmund vorbeifuhr. Der Spieler Marc Bartra und ein Polizist wurden dabei verletzt. Das Team hatte sich zuvor im Hotel aufgehalten, auch Sergej W. hatte dort ein Zimmer. Vom „L’Arrivée“ aus soll er mit einem Handy die Sprengsätze gezündet haben. Die Art des Sprengstoffs ist bislang nicht bekannt.

Nach bisherigen Erkenntnissen handelte Sergej W. als Einzeltäter. Er soll mit einem Aktiendeal auf einen Kurssturz des Wertpapiers von Borussia Dortmund nach einem blutigen Anschlag auf das Fußballteam spekuliert haben. Der Beschuldigte habe am Tag der Tat 15 000 Verkaufsoptionen auf die Aktie des Vereins erworben, sagte die Bundesanwaltschaft. Die Optionsscheine habe Sergej W. über die IP-Adresse des Hotels gekauft und mit einem Kredit finanziert.

Über das Finanzgeschäft kamen die Behörden offenbar dem Deutschrussen auf die Spur. Die Comdirect-Bank, die den Kredit in Höhe von mutmaßlich mehreren Zehntausend Euro gewährt hatte, meldete sich bei der Polizei wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Die Ermittler fanden dann heraus, dass Sergej W. am 11. April vom Hotel aus auf einen Absturz der Aktie von Borussia Dortmund gesetzt hatte. Hotelangestellte sagten der Polizei, W. habe sich nach dem Anschlag im Vergleich zu den anderen, aufgeregten Gästen seltsam ruhig verhalten.

Die drei islamistisch intonierten Exemplare des Bekennerschreibens, die sich in der Nähe des Tatorts befanden, hatten bei den Ermittlern früh Zweifel geweckt. Auf den Zetteln wird eine „Todesliste“ der Terrormiliz IS gegen Sportler und ungläubige Prominente genannt. Eine islamwissenschaftliche Prüfung des Schreibens ergab, dass ein islamistischer Hintergrund wenig wahrscheinlich ist. Eine linksradikal gefärbte Selbstbezichtigung im Internet sowie eine rechtsextrem formulierte Bekennermail, die beim Tagesspiegel einging, halten die Behörden für Machenschaften von Trittbrettfahrern.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am Freitag in Berlin, sollte sich der Verdacht bestätigen, dass der Festgenommene die scheinbar islamistischen Bekennerschreiben verfasst habe, sei das „eine besonders perfide Art, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen“. Das Motiv der Tat sei „besonders widerwärtig“. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, sagte, mit einem Anschlag Kursgewinne machen zu wollen, sei „Wahnsinn“.

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