Anhalter Bahnhof : Sneaker-Alarm in der Elphi

Frederik Hanssen

Genau 365 Tage ist es her, dass in Hamburg die Elbphilharmonie feierlich eröffnet wurde. In Anwesenheit von Bundespräsident und Kanzlerin, mit mehr als sechs Jahren Verspätung und zu einem Preis, der am Ende fast die satte Summe von 800 Millionen Euro erreicht hatte. Es war der Auftakt zu einem Hype, wie ihn noch nie zuvor ein der klassischen Musik gewidmetes Haus ausgelöst hat.

Mehr als 50 000 Artikel erschienen weltweit über die neue hanseatische Sehenswürdigkeit, die Website des Konzerthauses verzeichnet 50 Millionen Zugriffe. 4,5 Millionen Menschen waren bislang schon auf der öffentlichen Plaza in 37 Meter Höhe, um das 360-Grad-Panorama über City und Hafen zu genießen. Fast 850 000 Besucher kamen zu 600 in den zwei Sälen angebotenen Konzerten. Wobei die Nachfrage so groß ist, dass die Betreiber lässig ein Vielfaches der Tickets verkaufen könnten.

Das Irrste an der Elphi aber ist: Hier nehmen nicht nur soignierte Herren im Goldknopf-Zweireiher neben Damen im kleinen Schwarzen Platz. Nein, die bildungsbürgerlichen Habitués sehen sich Abend für Abend mit einem „heterogenen Publikum“ konfrontiert, wie der „Stern“ staunend in seiner Titelstory zum Konzerthaus-Geburtstag berichtet. Mit Menschen also, die es frech wagen, den Dresscode zu unterlaufen: „Überhaupt sind Sneakers an diesem Ort zur adäquaten Fußbekleidung in Klassikkonzerten aufgestiegen.“

Da muss der Berliner dann doch mal trocken auflachen. Wie putzig ist das denn! Sportschuh-Alarm in der Elphi! Dass es beim Klassikgenuss auf die innere Einstellung der Zuhörer ankommt und nicht auf die äußere Erscheinung, ist hier seit Jahrzehnten bekannt. In der hauptstädtischen Kulturszene darf jeder nach seiner Façon selig werden. Was die künstlerischen Inhalte betrifft – und erst recht in Bezug auf die Form.

In München wiederum, einer Stadt, die noch darum ringt, endlich einen vorzeigbaren Konzertsaal zu bekommen, wird das antiquierte „Kleider machen Leute“-Dogma noch sturköpfiger verteidigt. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich gerne daran, wie er – im Wissen um die örtlichen Befindlichkeiten in seinen besten Sonntagsstaat gewandet – an der Kasse der Bayerischen Staatsoper auf den Berliner Opernstiftungsdirektor Georg Vierthaler trifft. Der spöttelt amüsiert über das Gala-Outfit des Berliner Kritikers: „Sie haben sich aber aufgebrezelt.“ Woraufhin aus der Warteschlange eine Dirndlträgerin im Brustton der Überzeugung kommentiert: „Das ist ja wohl eine Frage der Erziehung!“ Frederik Hanssen

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