Anhalter Bahnhof : Schinkels Bau, Schinkels Geist

Bernhard Schulz

Das Schloss mit Humboldt-Forum nähert sich der Fertigstellung. Nur schräg gegenüber bläht sich oder erschlafft, je nach vorhandenem Wind, die mit der Ansicht der Bauakademie bedruckte Folie. Seltsam. Über den Wiederaufbau der Bauakademie, die Preußens genialer Baumeister Karl Friedrich Schinkel 1836 eröffnen konnte, gab es nie den Streit, der den Wiederaufbau des Barockschlosses begleitete. Und trotzdem tut sich nichts.

Doch halt – hinter den Kulissen werden längst Positionen abgesteckt. Drei große Veranstaltungen, „Foren“, hat das Bundesbauministerium abgehalten, um zu klären, was in den wiedererstehenden Backsteinbau hineinkommen könnte. 62 Millionen Euro, die die Haushälter des Bundestages Ende 2016 aus dem Hut zauberten, haben mächtig Appetit gemacht. Nun soll, wie das Ministerium am Mittwoch bekannt gab, ein „Programmwettbewerb“ um genau das starten, was in dem Bau geschehen soll; danach ein „Realisierungswettbewerb“. Das Motto des ganzen Vorhabens lautet „So viel Schinkel wie möglich“. So hat’s der Bundestag beschlossen.

Zahlreiche Verbände und Institutionen wurden in den drei „Foren“ gehört, alle hatten mit den Hufen gescharrt, um Einfluss und Büros im Neubau zu gewinnen – und nun ein Programmwettbewerb, quasi vom Nullpunkt aus? Da wird sich mancher Verband verschaukelt vorkommen und per Klinkenputzen zu sichern versuchen, was in dem als völlig ergebnisoffen angekündigten Wettbewerb womöglich auf der Strecke bleiben könnte. Aber so haben wir’s in Deutschland nun einmal gerne: Legitimation durch Verfahren, wie der Soziologe Niklas Luhmann das nannte – und hier gleich ein mehrstufiges Verfahren. Nur ja alle Ansprüche berücksichtigen!

Doch schon 2023 soll die Bauakademie stehen, ziegelgemauert wie von Schinkel, der mit diesem Bauwerk die Moderne in Preußen begründete. Ein vergleichbar revolutionärer Impuls wird vom Nachbau, dem als „Schaufenster“ annoncierten Wiedergänger, wohl nicht ausgehen. Man wäre schon zufrieden, wenn es ein lebendiges Haus würde, voller Ausstellungen und Diskussionen, und keine Adresse für Verbandsrepräsentanten. Schinkels Architektur ist wichtig; noch wichtiger fast ist Schinkels Geist. Bernhard Schulz

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