Anhalter Bahnhof : Reformation ist das Ereignis

Bernhard Schulz

Weit, weit zurück liegt der Kampf um die Deutungshoheit in Glaubensdingen. Kaum einer weiß etwa mit dem Begriff „Kulturkampf“ noch etwas anzufangen, der die Kirchen, Parteien und gebildeten Schichten im Bismarckreich bewegte. Ja, die Reformation und ihre Folgen sind in die Geschichte abgesunken, sie sind historisch geworden. 500 Jahre liegt der Thesenanschlag Luthers – ob nun stattgehabt oder nicht – zurück, 500 lange Jahre, in denen sich Menschen blutig bekämpften, Herrscher stürzten, Könige die Seiten wechselten, bevor schließlich Frieden eintrat, der hierzulande erst zuletzt, im 20. Jahrhundert, durch die Vermischung von Schichten und Landsmannschaften auch gesellschaftlich wirklich einkehrte.

Heute ist die Reformation das Thema des Jahres. Offenkundig können die Menschen, die Bürger, die einfach nur Interessierten gar nicht genug erfahren von dem, was vor 500 Jahren seinen Ausgang nahm. Die Ausstellungen zur Reformation – nun auch im Martin-Gropius-Bau in Berlin, wo das Deutsche Historische Museum mit dem „Luthereffekt“ gastiert – erleben reichen Zulauf. Noch gar zu Ostern, wo das religiös grundierte Datum erst recht aufgeschlossen macht dafür, sich mit Glauben und Geschichte zu befassen.

Sind wir vergangenheitsselig? Ist das ein schlechtes Zeichen, als kümmerten wir uns nicht um die Gegenwart? Die Klage ist alt. Sie setzte hierzulande ein mit der überraschend erfolgreichen „Staufer“-Ausstellung in Stuttgart 1977, setzte sich fort über „Preußen“ in Berlin 1981, mündete in einen nie mehr abreißenden Strom historischer Ausstellungen, Veranstaltungen, Fernsehsendungen. Das mag bisweilen allzu sehr dem Zufall kalendarischer Jubiläen folgen; und auch die Reformation, die 1517 ihren Ausgang nahm, ist 2017 nicht mehr oder weniger bedeutend, als sie es im Vorjahr war und im kommenden sein wird. Aber es ist gut, dass wir uns der Geschichte erinnern, unserer Herkunft, unserer Wege und Irrwege. Nur daraus lässt sich wenigsten ein Hauch von Ahnung gewinnen, wie es weitergehen kann, welche Herausforderungen uns erwarten – und welche Fehler wir, ja: gottseidank vermeiden können, weil wir sie hinter uns haben, zum Guten wie zum Schlechten. Bernhard Schulz

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