Anhalter Bahnhof : Peymann! Die Allerletzte

Patrick Wildermann

Letzte Vorstellung am Berliner Ensemble. Die Allerletzte. Oder das Allerletzte? Darf man sich nicht entgehen lassen. Naturgemäß, wie der große Dichter und Peymann-Freund Thomas Bernhard gesagt hätte. Auf dem Programm steht: „Der Abschied. Die letzten 61 Tage. Nachdenken über Theater in dieser Zeit“. Ein Wahnsinnstitel, da steckt viel drin. Vor allem viel Nachdenkliches. Und es tritt ins Rampenlicht: Claus Peymann. Mit diesem Ausdruck schon, der sagt: Bei mir wird’s nie langweilig. Der Theaterdirektor, für den mehr als für jeden anderen die goldene Rolf-Eden-Weisheit gilt: „Natürlich spiele ich eine Rolle. Aber ich muss mich dafür nicht verstellen oder so was.“

Noch einmal schart der Theatermann die hassgeliebte Presse um sich und trumpft auf als glorioses Großmaul und unbarmherzige Sottisen-Schleuder, Narzisst mit Betonung auf der ersten Silbe und überlebendes Mammut der Theatersteinzeit. Was Peymann bei seiner Abschiedsvorstellung verkündet, ist eigentlich nichts Neues. Und doch immer wieder schön. Sein Nachfolger am BE, Oliver Reese, sei ein Frankfurter Würstchen und vernichte eines der letzten intakten Ensembles. Ganz zu schweigen von all den Jahrhundert-Inszenierungen von Bob Wilson oder Claus Peymann, die vom Spielplan verschwänden. An den Theatern der Republik tobe der Jugendwahn und niemand wolle mehr aus der Erfahrung der Alten klug werden. Die hohe Literatur sei (außer an seinem Haus) dem Untergang geweiht, weil alle Rimini Protokoll mit Kleist verwechselten. Und die Kunst brauche nun mal ganz dringend die Diktatur. Hat man alles schon mal so oder so ähnlich aus seinem Mund gehört, aber gut. Man geht ja auch noch in den „Hamlet“, obwohl man das Ende kennt.

Präsentiert wird auch ein zweibändiges, 1200-seitiges Wuchtwerk über die Ära Peymann am BE. In jeder Hinsicht ein Guinness-Buch der Rekorde. Es wiegt 4,7 Kilo und lässt 18 Jahre, 190 Premieren, 10 332 Vorstellungen und 40 879 Minuten Applaus Revue passieren. Kaum zu glauben: „Einen Monat lang haben die Leute hier geklatscht!“

Und dann gibt es noch Schokoladenkuchen, den Chefdramaturg Hermann Beil gebacken hat. „Schneidet kleinere Stücke!“, ruft Peymann, während die Presse gefüttert wird. Peymann ist endgültig und für alle Zeit zur Thomas- Bernhard-Figur geworden, zum Theatermacher, der sich in der geistigen Provinz unter Rang verkaufen muss, und das am Blutwursttag. Vermutlich war in Berlin für Claus Peymann jeden Tag Blutwursttag. Bald gibt’s nur noch Frankfurter. Patrick Wildermann