Anhalter Bahnhof : Nächster Halt Berlin

Bernhard Schulz

Als Arnold Bode 1955 in Kassel die erste Documenta eröffnete, galt es, die Welt hineinzuholen in diese kriegszerstörte Stadt, aber zugleich ins Nachkriegs(west)deutschland. Nicht einmal Bode, der 1977 verstorbene Visionär, ließ sich anfangs träumen, dass seine Documenta zu einer weltweit beachteten Institution heranwachsen würde.

Aus dem Welt-Hineinholen ist ein In-die-Welt-Hinausgehen geworden, und Kassel würde längst abseits der Kunstströme liegen, wäre der provinzielle Ort nicht untrennbar mit seinem globalen Ereignis verbunden. Bode ist in seiner Heimatstadt nicht vergessen, die seit 1980 den Arnold-Bode-Preis vergibt. Den erhält in diesem Jahr der in Nigeria gebürtige, in den USA lebende und in Großbritannien lehrende Künstler Olu Oguibe, der an beiden diesmaligen Documenta-Orten, Kassel und Athen, mit eigenen Arbeiten vertreten ist – die sich, man möchte sagen „natürlich“, mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigen. Athen haben die Documenta-Macher diesmal als zweiten Standort ausgewählt, damit die Documenta nicht zu kunstmäßig werde. Stattdessen werden nun die drängenden Fragen unserer Zeit behandelt.

Es geht nicht mehr zuallererst um Kunst, sondern um Kunst als Spiegel und Transportmittel für Weltprobleme. Die Welt ist in Kassel angekommen, anders zwar, als Arnold Bode sich das vorgestellt hat, aber angekommen. Und präsent. In Athen sowieso.

Von einer Kunst, die sich vorzugsweise als Spiegel nicht-künstlerischer Probleme versteht und deren Welthaltigkeit darum ihr Hauptkriterium bildet, zum Humboldt Forum in Berlin ist es nur mehr ein kleiner Schritt. Das Humboldt Forum benötigt nicht den Umweg über eine Kunst, die nicht mehr zuvörderst Kunst sein will. Ihre – ethnologischen, aber gleichwohl kunstvollen – Schaustücke werden im Rahmen eines ausgreifenden Veranstaltungsprogramms zuallererst Anknüpfungspunkte für den Welt-Diskurs sein, Belegstücke für die Welthaltigkeit des Humboldt Forums.

Alles wird Welt. Alles wird Problem. Jedes Problem wird zum Thema, bei aller Eigenart künstlerischer oder auch ethnologischer Objekte. Das ist die unausweichliche Konsequenz der Globalisierung. Angefangen hat es (auch) mit der Documenta 1955 im abgelegenen Kassel. Statt dort sich alle fünf Jahre zu treffen, zieht es den Globaldiskurs in die Metropolen, dorthin, wo unausgesetzt „Welt“ verhandelt wird. Wie in Berlin. Zum Zeitpunkt der nächsten Documenta wird das Humboldt Forum bereits in Betrieb sein. Bernhard Schulz

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.