Anhalter Bahnhof : Mit allen sprechen

Bernhard Schulz

Seit der französische Präsident Macron im vergangenen November überraschend erklärt hat, es ginge nicht an, dass die Kunstwerke Afrikas in Paris lagerten, und die Rückgabe der Objekte aus den ethnografischen Museen an ihre Ursprungsländer angekündigt hat, haben sich die entsprechenden Häuser in Paris sehr aufgeschlossen gezeigt; anderenorts weniger. Kann es sein, dass diese Objekte, die nicht bloß von kulturhistorischem Wert, sondern zuvörderst von identitätsstiftender Bedeutung sind, in Europa verbleiben, während ihre Herkunftsländer und -ethnien von ihrer Betrachtung ausgeschlossen sind, vom rituellen und religiösen Gebrauch ganz zu schweigen?

Macrons Vorstoß hat in Frankreich bereits erste Folgen gezeitigt; die Sache rumort. Nun hat die streitbare, seit 20 Jahren in Berlin lebende und lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy ihre Antrittsvorlesung am noblen Collège de France gehalten, wohin sie zusätzlich zu ihrer Berliner Professur berufen wurde; die Vorlesung liegt nun unter dem schönen Titel „Die Provenienz der Kultur“ in deutscher Übersetzung vor (bei Matthes & Seitz). Sie ist zuallererst an französische Zuhörer gerichtet, aber auch deutsche Augen sollten sie lesen.

Denn Savoy redet nicht simpler Rück- oder Herausgabe das Wort; von der Schwierigkeit abgesehen, den „richtigen“ Empfänger ausfindig zu machen. Lassen wir dieses, freilich nicht zu unterschätzende Problem einmal beiseite. Es geht Savoy um den Eurozentrismus des Sammelns, des Museums als Institution, wie es sich im 19. Jahrhundert herausgebildet und ungeheure Schätze angehäuft, ja zusammengerafft hat. Darin stecken aber zugleich Wissensdurst und Erkenntnisinteresse. Savoy schlug vor ihren Pariser Hörern den Bogen zur Zeit der Französischen Revolution, als Paris sich als Hort der Freiheit und damit einzig rechtmäßigen Ort des Kulturerbes der Menschheit verstand.

Dies mit allen Menschen zu teilen, ist die Aufgabe der Museen heute, mehr denn je. Es gilt nun, den Weg zurückzuverfolgen vom Museumsobjekt zu seinen Ursprüngen, seine Geschichte zu erzählen, und zwar aus den Perspektiven aller Beteiligten, zumal derjenigen der Enteigneten und Beraubten.

Das heißt zugleich, mit den Menschen der Regionen, aus denen die Objekte stammen, „über die Zukunft unserer, d. h. auch ihrer Sammlungen zu sprechen“ – mit allen Menschen, nicht nur den vermeintlichen Fachleuten. So rückt an die Stelle der Abrechnung mit der Vergangenheit die Gestaltung der Zukunft. Wäre der Begriff nicht so abgenutzt, man könnte einfach von Dialog sprechen. Bernhard Schulz

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