Anhalter Bahnhof : Lautstarke Startsoper

Frederik Hanssen

In der Wirtschaft nennt man das einen Pop-up-Store: Für ganze vier Aufführungen war die Staatsoper geöffnet, bis zum 7. Dezember bleiben die Türen jetzt wieder geschlossen. Damit die Bauarbeiter letzte Hand anlegen können. Außerdem müssen alle Inszenierungen, die in den sieben Jahren des Exils im Schillertheater entstanden, nun an die Gegebenheiten der ultramodernen Bühnentechnik Unter den Linden angepasst werden.

„Präludium“ hat die Staatsoper den symbolischen Akt der Wiedereinweihung genannt. Was so viel bedeutet wie „Vorspiel“. In Opern-Ouvertüren werden häufig die schönsten Melodien des folgenden Stücks schon einmal angespielt, um das Publikum so richtig neugierig zu machen. Die Protagonisten beim soft opening der Staatsoper hießen Daniel Barenboim (74 Jahre), Jürgen Flimm (76), Markus Lüpertz (ebenfalls 76), Maurizio Pollini (75) und Zubin Mehta (81). Als Regisseur für den Start des Dauerbetriebs mit „Hänsel und Gretel“ wurde Achim Freyer (83) verpflichtet. Sehr viel Lebenserfahrung kommt da zusammen, sehr viel Wissen und sehr viel Abgeklärtheit.

Richtig zukunftsweisend wirkt das alles nicht. Bei maximaler Medienaufmerksamkeit wird künstlerischer Minimalkonsens geboten. Wohliges Retro- Relaxen, passend zur Optik des Hauses. Wobei zur Ehrenrettung gesagt sei, dass eigentlich eine neue Oper von Wolfgang Rihm (nur 65 Jahre) den Anfang machen sollte. Doch der Komponist wurde krank. Sein alttestamentarischer „Saul“ wird nun 2021 uraufgeführt.

Wirklich besorgniserregend ist das Problem mit der Akustik. Nach der Anhebung der Decke ist jetzt zwar keine elektronische Nachhall-Anlage mehr nötig, dafür hat sich aber auch der charakteristische Klang der Staatskapelle verflüchtigt. Und sobald das volle Orchester lauter spielt, wird der Sound schon bei Schumann und Debussy verstörend grell und massiv. Welche Erschütterungen da ein „Walkürenritt“ auslösen wird, kann man hochrechnen. Musik aus dem 18. Jahrhundert dagegen vermag sich frei und organisch im Saal zu entfalten.

Sollte die Staatsoper jetzt womöglich gezwungen sein, dem Drängen der Politik nachzugeben, die schon so lange eine Aufteilung des Repertoires unter den Berliner Musiktheatern fordert? Barockes geht, Mozart auch, bei „Freischütz“ aber ist Schluss Unter den Linden. Die großformatigen Musikdramen von Wagner, Verdi und Co. überlässt man der dafür ausgelegten Deutschen Oper. So würde die Wiederherstellung des Althergebrachten dann doch noch zu einem Neustart. Frederik Hanssen

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