Anhalter Bahnhof : Kunst auf Reisen

Rüdiger Schaper

Wenn man zum Himmel schaut und ein Flugzeug mit weißen Streifen vorüberzieht, könnte ein Kunstwerk an Bord sein. Fest verpackt und hoch versichert reisen die alten und die neuen Meister durch die Welt; was ökologisch sinnvoll ist. Der Umwelt geht es besser, wenn die Bilder zu den Menschen kommen – und nicht die Menschen den Kunstwerken nachreisen.

Aber wer ist so konsequent vernünftig? Im Prado läuft – bis Ende September – die erste große Schau des italienischen Malers Lorenzo Lotto. Er lebte im 16. Jahrhundert und zählt zur Hochrenaissance. Seine Bilder besitzen eine ungeheure stille Kraft, sie liegt im Blick der porträtierten Persönlichkeiten. Erstmals lebt hier Individualität in der Malerei voll auf. Man muss also nach Madrid – was sich bei der knapp bemessenen Zeit und den hohen Flugpreisen nicht so einfach gestaltet. Und wer steigt schon gern bei einem irischen Billigstflieger ein?

Die Lösung des Problems heißt London. Ab November ist die Lorenzo- Lotto-Ausstellung, von der die Madrid-Reisenden so schwärmen, in der National Gallery zu sehen. Die Londoner besitzen einige Werke des Malers ohnehin, sie kehren dann wieder an ihren Platz zurück. Auch die Staatlichen Museen zu Berlin haben einen Lorenzo Lotto, das „Bildnis eines jungen Mannes“. Berlin besitzt auch eine Anzahl von Blättern der Maler Andrea Mantegna und Giovanni Bellini, die einige Jahre vor Lorenzo Lotto gewirkt haben. Die Werke aus dem Kupferstichkabinett machen sich jetzt auf den Weg nach London, wo – schon wieder – die famose National Gallery eine große Mantegna-Bellini-Schau vorbereitet, Eröffnung Ende September. Das will man auch nicht verpassen.

Diesmal aber funktioniert es umgekehrt. Für Bellini und Mantegna allein muss niemand nach England fliegen, denn sie kommen hierher. Im März 2019 werden sie in der Berliner Gemäldegalerie präsentiert.

Kunst und Reise, das ist ein dicker Wirtschaftsfaktor. Immer mehr Touristen kommen nach Berlin, und sie nennen die Kultur und Geschichte der Stadt als Hauptattraktion. Die Berliner wiederum weichen in andere europäische Städte aus, da füllen sie selbst die touristische Statistik auf. Oder sie fahren ins Umland: Im brandenburgischen Zauchwitz gibt es auf einem alten Bauernhof ein privates Reisemuseum. Was zum Reisen gehört und was es mit den Menschen und der Welt macht, wird dort gesammelt.

Aber dann – schaut man in den Himmel, sieht Kondensstreifen und sitzt wieder im Flieger. Rüdiger Schaper