Anhalter Bahnhof : Komisch: Oper wird 70

Frederik Hanssen

Eine Musical-Premiere in Anwesenheit des Bundespräsidenten – hat es das je gegeben? Am Sonntag wird Frank-Walter Steinmeier dabei sein, wenn Barrie Koskys „Anatevka“Inszenierung erstmals über die Bühne geht. Allerdings nicht, weil sich der vom Palaver mit potenziellen PartnerParteien gestresste Politiker einen entspannten Abend gönnen will. Nein, es gilt, 70 Jahre Komische Oper zu feiern.

„Weder ein drittes Opernhaus noch ein ebenso überflüssiges zweites Operettentheater sollte in Berlin entstehen“, so hat der legendäre Walter Felsenstein seinen Gründungsimpuls erklärt, „sondern ein neues, wahrhaftiges Musiktheater.“ Solisten, die an der Rampe stehen und mit den Armen rudern, während ihr Blick starr auf den Dirigenten gerichtet ist, sollte es an der Komischen Oper nicht mehr geben. Stattdessen die Gleichberechtigung von Gesang und Schauspiel, wie beim Vorbild, der Pariser Opéra Comique. Und Aufführungen in der Landessprache. Es wurde eine einmalige Erfolgsstory.

Viele Alternativen hätte der Bundespräsident in diesen Tagen gehabt, da die hauptstädtische Kulturszene zum Jahresendspurt ansetzt. An der Volksbühne präsentiert Susanne Kennedy, die eine prägende Figur der Ära Chris Dercon werden soll, ihre erste Regiearbeit im Ex-Frank-Castorf-Theater. Castorf wiederum wuchtet am Freitag Victor Hugos „Les Misérables“ auf die Bühne des Berliner Ensembles. Samstag dann werden Samuel Finzi und Wolfram Koch am Deutschen Theater zu Genets „Zofen“. Nächste Woche schließlich lädt die Staatsoper Unter den Linden zum Wiedereröffnungs-Tripel, mit einem Festkonzert zum 275-jährigen Gründungsjubiläum und mit zwei Neuinszenierungen an zwei Tagen.

Unvergleichlich – und darum präsidentenbesuchswürdig – aber bleibt das Wunder der Komischen Oper. Weil Felsensteins Maxime vom vitalen Musiktheater sich von hier aus in alle Welt verbreitet hat. Und weil es in der Behrenstraße gelang, den Geist des Gründervaters durch die Zeitläufte zu bewahren. Dank seiner Erben Joachim Herz und Harry Kupfer zu DDR-Zeiten, nach der Wende dann dank Andreas Homoki und Barrie Kosky.

Die Wahl von „Anatevka“ zum Jubiläum ist natürlich eine Verbeugung vor Felsensteins 1971er-Produktion des „Fiedlers auf dem Dach“, die es bis 1988 auf 500 Aufführungen brachte. Und zugleich ein programmatisches Statement des heutigen Hausherrn: Weil das Stück die Frage aufwirft, wie man es vermeiden kann, in den eigenen Traditionen zu erstarren. Mit Liebe natürlich. Frederik Hanssen

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!