Anhalter Bahnhof : Karajan kaputt

Frederik Hanssen

Es sieht schrecklich aus rund um die Philharmonie. Die Herbert- von-Karajan-Straße ist komplett verschwunden, der Asphalt von Presslufthämmern zerschreddert, das Erdreich ist überall aufgebuddelt. An der Scharounstraße wird ebenfalls mit schwerem Gerät gearbeitet, der Zugang zur Piazzetta ist teilweise abgerissen. Wo das Museum des 20. Jahrhunderts entstehen soll, haben sich Container und Material breitgemacht. Und die Neue Nationalgalerie steht nackt da, als langjährige Baustelle.

Noch gehört viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, wie einladend das Areal im Herbst 2019 aussehen wird, zum Amtsantritt des Rattle-Nachfolgers Kirill Petrenko bei den Philharmonikern. Die Karajan-Straße wird in schmalerer Form neu eingerichtet und dabei näher ans Kunstgewerbemuseum gerückt, sodass großzügige Freiflächen entstehen, die begrünt werden und Platz für Fahrradständer bieten.

Die Scharounstraße, die sich seit vielen Jahren in einem unzumutbaren Zustand befindet, verschwindet als Nächstes – zugunsten einer Fußgängerzone, die einen besseren Zugang zu jenen Museen gewährleisten soll, die im hinteren Bereich des Kulturforums liegen. Verbessert wird auch die dortige Situation der Treppenanlage an der Kante zum Matthäikirchplatz.

Nachdem hier jahrzehntelang nichts passiert ist, sind die Arbeiten ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn es denn gelingt, die neuen Freiflächen attraktiv zu bespielen. Um hier einen angenehmen Aufenthalt zu schaffen, müssen Möglichkeiten her, sich nach dem Besuch der Gemäldegalerie oder vor dem abendlichen Konzert zu stärken. Mit einem Glas Wein, von einer mobilen Bar, mit einem Snack vom Pop-Up- Stand. Die Kreuzberger „Markthalle Neun“ hat vorgemacht, wie das geht. Nachahmer gibt es mittlerweile überall in der Stadt, in den eisigen Wochen der Berlinale lockt ein Streetfood-Market die Hungrigen und Durstigen an.

Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Philharmoniker, sollte sich die Belebung der künftigen Flanierflächen rund um Scharouns Wunderbau ganz oben auf ihre Agenda schreiben. Damit kann sie sich viele Freunde machen. Wenn schon alle Parkplätze vom Kulturforum verschwinden, dann ist eine Aufwertung des gastronomischen Angebots vor Ort das Mindeste, was die klassikaffine Kundschaft erwarten kann.

Darauf zu warten, dass irgendwann einmal das versprochene Restaurant in der irgendwann einmal fertigen Museumsscheune von Herzog & de Meuron seine Türen öffnet, ist jedenfalls keine Option. Frederik Hanssen