Anhalter Bahnhof : Jubeltage, Jubeljahre

Bernhard Schulz

Natürlich ist es viel zu früh, eine Bilanz des Luther-Jahres zu ziehen. Der eigentliche Reformationstag steht überhaupt erst am 31. Oktober ins Haus. Und diesmal ein außerplanmäßiger, bundeseinheitlicher Feiertag. Kommt nur alle 500 Jahre vor!

Vielleicht war es keine ganz gute Idee, die Reformationsfeierlichkeiten auf ein volles Jahr zu dehnen (nachdem zuvor eine ganze „Luther-Dekade“ abgehalten wurde). Zahlreiche Ausstellungen und Buchpublikationen füllten bereits die ersten Monate des Jubiläumsjahres, denn ein jeder war ängstlich darauf bedacht, nur ja sein Stückchen vom begrenzten Kuchen öffentlicher Aufmerksamkeit abzubekommen. Nun zeigt sich die Kehrseite: Das Jubiläum droht zu verläppern, das Interesse erlahmt.

Berlin als heidnischste Stadt Deutschlands steht dem Reformationsjubiläum ohnehin mit einer gewissen Reserve gegenüber. Hier ist alles weltlich. Das nun lässt für das nächste Jubeljahr einiges erwarten. Da nämlich gilt es, den 200. Geburtstag einer anderen deutschen Geistesgröße zu feiern. Karl Marx wurde 1818 in Trier geboren, damals (neu-) preußisch, und absolvierte später sein Studium vorwiegend in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität.

Berlin blieb mit Marx verbunden; es muss nicht näher ausgeführt werden, welche Akteure der Geschichte sich gerade in Berlin auf ihn meinten berufen zu müssen. Nicht allzu weit vom Luther-Denkmal in Mitte gibt’s auch ein Marx-(Engels-)Denkmal, ein ziemlich resignatives, wie es scheint. Es zeigt den sitzenden Marx, womöglich erschöpft bei dem Gedanken, dass seine Schriften – er war, wie Luther, ein Vielschreiber sondergleichen – noch immer nicht in gültiger Textgestalt vorliegen. Mittlerweile müht sich die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die nicht immer vom Glück der Geschichte begünstigte Marx-Engels-Gesamtausgabe über die Zielgerade zu schieben. Immerhin.

Da ist Luther voraus. Die „Weimarer Ausgabe“, schon 1883 begonnen, liegt seit 2009 abgeschlossen vor, im Umfang von 127 Bänden. Nicht einmal ein volles Jubeljahr reichte aus, sie auch nur querzu lesen. So wenig, wie im kommenden Jahr die 62 bereits erschienenen der 114 Bände, die Marx-Engels einmal fassen sollen. Bernhard Schulz

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